Der Rohbau der Autobahnüberdeckung Opfikon-Glattbrugg ist nun abgeschlossen, zurzeit wird noch im Tunnel gearbeitet. Im Sommer 2004 rollt in beiden Richtungen wieder der Verkehr ohne jeglichen Lärm für Anwohner.
«Endlich hören wir wieder Vögel zwitschern»
Heute wäre es gar nicht mehr denkbar eine Autobahn mitten durch ein Dorf oder einen Stadtteil zu führen. Aber vor 40 Jahren war das nicht überall tabu. So in Opfikon, wo die Flughafenstrasse die beiden Stadtteile Opfikon und Glattbrugg voneinander trennt. Weil der Autobahnlärm immer stärker und der Verkehr rasant zunahm – auf über 90'000 Fahrzeuge pro Tag - wurden Lärmschutzmassnahmen verlangt. Diese Forderung führte nach langen Verhandlungen zu einer Überdeckung der Autobahn auf einer Länge von 600 Metern. Auf dem Autobahndeckel entstehen jetzt ein grüner Park mit Spielplätzen und Liegewiesen, Freiflächen und Überbauungszonen.

«Schon 1979 hat der Gemeinderat den Stadtrat beauftragt Massnahmen zu untersuchen, um den Lärm einzudämmen», berichtet Walter Epi, Stadtrat und Bauvorstand. Zuerst bestand die Absicht, die Anwohner mit hohen Lärmschutzwänden zu entlasten aber damit konnte der Graben durch die Stadt nicht aufgehoben werden. Deshalb schrieb der Stadtrat 1984 einen Wettbewerb aus, der zur heutigen Lösung führte.

 

Opfikon bezahlt 15 Millionen Franken an das 124 Millionen teure Bauwerk. Von der restlichen Summe übernimmt der Bund 80 und der Kanton 20 Prozent. Nach einer dreijährigen Bauzeit können die Arbeiten im Tunnel im Sommer 2004 abgeschlossen werden. Dann können je drei Fahrstreifen in beiden Richtungen für den Verkehr freigegeben werden. Und die Anwohner sind den permanenten Autobahnlärm los, nicht aber den Fluglärm.

 

Das Bauwerk

 

Die Bohrpfahlfundation des Bauwerkes steht auf Sandstein- und Mergelschichten der Oberen Sandstein Süsswassermolasse in einer Tiefe von 10 bis 25 Metern unter dem Autobahnniveau. Das Überdeckungsbauwerk wurde auf verrohrten Ortbetonbohrpfählen fundiert. Diese wurden biegesteif mit dem dreistieligen Plattenrahmen verbunden. Die Überdeckungsplatte ist vorgespannt. Das 600 Meter lange Überdeckungsbauwerk wurde monolithisch ohne Dehnfugen erstellt,

 

«Der Rohbau ist nun abgeschlossen, jetzt wird noch im Tunnel gearbeitet», sagt Cam – Kiet Ly von der Bauleitung N 11, mit dem wir die Baustelle besichtigen. Für Ly ist das nach seinem Studium die erste Stelle als Bauingenieur. «Ich hatte Glück, dass ich bei der Edy Toscano AG gleich eine so interessante Stelle finden konnte, denn diese Baustelle bietet alles, was spannend ist: Tiefbau, Spezialtiefbau, Strassenbau und Arbeiten mit Stahlbeton». Zu seinen Aufgaben gehörte die Detailplanung, beziehungsweise deren Umsetzung, die während der Projektphase noch nicht genau geplant werden konnten. «Wir sind daher vor Ort zuständig, um solche Probleme zu lösen», sagt Ly.

 

Tunnelausbau

 

Der Rohbau des Tunnels ist abgeschlossen, jetzt findet der Tunnelausbau statt. Der alte Belag wird abgefräst, dann wird eine Fundationsschicht eingebracht und darauf kommt der neue Belag. Auf beiden Seiten gibt es ein Bankett. Weitere Arbeiten die anstehen sind die Entwässerung, Hydrantenleitungen, Verkabelung der Beleuchtung und die umfangreichen Sicherheitseinrichtungen. Bei einem Fahrzeugbrand im Tunnel setzt sich die Tunnellüftung automatisch in Fahrtrichtung in Gang. Dadurch werden die nachkommenden, sich stauenden Fahrzeuge nicht durch die Rauchbildung beeinträchtigt. Der Selbstrettung der Verkehrsteilnehmer im Brandfall dienen Fluchttüren durch die Mittelwand.

 

Auf beiden Seiten des Tunnels ist mit der Hinterfüllung begonnen worden. Jetzt werden auch die Querstrassen wieder erstellt. Auf dem Autobahndeckel sind Dichtungsarbeiten im Gange. Zuerst erfolgt ein Schwarzanstrich, darauf kommen Polymerbitumendichtungsbahnen und darauf 12 Zentimeter Schutzbeton. Dann beginnt der Aufbau mit Geotextil, Kiessand und Humus.

 «Im Juni 2003 könnte bereits die erste Röhre für den Verkehr frei gegeben werden und im Verlaufe des Sommers 2004 der ganze Tunnel.»

 

Gestaltung des Deckels

 

Die Bewohner der knapp 13'000 Einwohner der Stadt dürfen sich bereits auf den neuen Park freuen, der Ende des Jahres fertig sein wird. Der Entwurf des Projektes für die 20'000 Quadratmeter grosse Grünzone stammt von dem Planer Bosshard Hauser Kocher Ruggli Bauingenieure AG. Das Ausführungsprojekt wurde zusammen mit der Stadt und dem Landschaftsarchitekturbüro Ryffel & Ryffel präzisiert. «Prägendes Element dieses Projektes ist die dem Überdeckungsbauwerk folgende Allee», sagt die Architektin Andrea Pulch, als Projektleiterin der Stadt Opfikon für die Gestaltung der Grünzone verantwortlich ist. Als öffentliche Fuss- und Radwegverbindung verknüpft die Allee den Bubenholzwald mit dem Glattraum und bildet als Klammer das neue Ordnungsprinzip für die städtebauliche und gestalterische Weiterentwicklung auf der Überdeckung. Die Allee ist 3,50 Meter breit, asphaltiert (ausser im Bereich Nord), beleuchtet und beidseitig von Bäumen gesäumt. In den Bereichen Mitte und Süd sollen je zwei grosse chaussierte Plätze und dazwischen Spiel- und Liegewiesen mit Rasenflächen erstellt werden.

 

Anfang Juni werden die Aufträge vergeben, die bis Ende Jahr beendet sein müssen. Die Baumallee verlangt eine Aufschüttung von einem Meter Humus. Die Baumarten sind noch nicht spezifiziert worden. Es müssen aber Bäume sein, die nicht zu hoch werden und die auch gegen Trockenheit resistent sind. Ohne Bewässerungsanlage kommt man aber nicht aus. Vorgesehen ist aber keine automatische Bewässerungsanlage, sondern eine manuell bedienbare Anlage genügt. Gestalterisch wird auch viel unternommen, um die beiden Stadtteile Opfikon und Glattbrugg mit der neuen Grünzone zu verbinden. „«Bei einer Begehung mit Fachleuten und Anwohnern haben wir jedes einzelne Grundstück angeschaut, damit eine harmonische, natürliche Anbindung an den Park möglich wird.»

 

Mit der Fertigstellung des Autobahntunnels verschwanden die Lärmimmissionen. Die Stadtverwaltung erhielt bereits positive Rückmeldungen. So sagte eine Anwohnerin: „«Endlich hören wir wieder Vögel zwitschern.» Über solche Echos freut sich auch die Architektin. „«Was mich persönlich an diesem Auftrag fasziniert, ist, dass hier praktisch in einem Jahr ein neuer Park in dieser Dimension entsteht.»

 

Mehrfachnutzung im Trend

 

Opfikon ist nicht das erste Beispiel einer Mehrfachnutzung der Autobahn. Auch in Altendorf am Obersee ist die Autobahn, die 1967 gegen den Willen der Aussenschwyzer Gemeinde mitten durch die Gemeinde angelegt wurde, überdeckt worden. Eine genauere Analyse ergab, dass bei einer Tunnellänge von 650 Metern 350 Meter einer privaten Nutzung zugeführt werden könnten. Der jahrelange Kampf der Aussenschwyzer Gemeinde ermöglichte es der SUVA, ein für die Schweiz einmaliges Projekt zu realisieren. Sie erstellte im Rahmen ihrer Anlagetätigkeit 9 Mehrfamilienhäuser, sowie 8 Doppeleinfamilien- und 3 Atriumseinfamilienhäuser auf der Autobahnüberdeckung A3.

 

Wer die Autobahn in Basel-Ost verlässt und Richtung Frankreich fährt, kommt an den Grossbaustellen der Nordtangente vorbei. Die im Bau befindende Stadtautobahn misst bis zur französischen Grenze 3,18 km. Davon sind 2,79 km überdeckt. Wenn das Jahrhundertbauwerk der Rheinstadt 2007 oder 2008 in Betrieb genommen werden kann, steht dem freien Markt dank den Tunnelbauten ein zusätzliches Bauvolumen von rund 180'000 m3 für Wohnbauten zur Verfügung. «Denn von Anfang an wurde eine Doppelnutzung gewünscht», stellt der Projektleiter Christoph Angst vom Tiefbauamt Basel-Stadt fest.

 

Bereits sind an verschiedenen Orten neue Forderungen nach einer Überdeckung der Autobahn laut geworden, doch wegen der angespannten Finanzlage haben so teure Projekt wenig Chancen ausgeführt zu werden.

 

Text und Fotos: Roland Beck

 

 

 






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