Die jetzt im Bau befindliche Bogenhalle für die Totalsanierung der Sonderdeponie Kölliken wird zum europaweit einmaligem Wahrzeichen auf Zeit: Eine Bogenhalle von dieser Dimension wurde in der Schweiz noch nie gebaut. Damit die Anwohner auch sicher sein können, dass nichts nach aussen dringt, wird von einer externen Firma permanent die Luft gemessen.
103 Millionen Franken für ein «Mahnmal»
Nr. 12 2006: Die Totalsanierung der Sonderdeponie Kölliken schreitet planmässig voran. Die Vorbereitungsarbeiten für den Bau einer Halle mit einer Spannweite von 170 Metern sind soweit fortgeschritten, dass im Dezember die ersten Stahlträger montiert werden können. Die Halle für den Rückbau des Sondermülls muss bis August 2007 erstellt sein. Erst danach können die 375'000 Kubikmeter, zum Teil hochgiftigen Stoffe, entsorgt werden. Diese Arbeiten, inklusiv Abbau der neuen Halle, dauern noch bis zum Jahr 2013.
Erste Etappe erfolgreich  

Als «Baukader» die Baustelle vor vier Jahren besuchte, wurde am Südfuss der Deponie eine U-förmige Drainagewand erstellt, in welcher verschmutzte Wasser abgefangen und in einem Werkstollen der hauseigenen Kläranlage zugeführt werden kann. «Dieses Abwassersystem funktioniert ausgezeichnet, unsere Erwartungen wurden sogar noch übertroffen», freut sich Jean Louis Tardent, Geschäftsführer der Sondermülldeponie Kölliken SMDK. Dank dieser Abschirmung sind die erhöhten Immissionswerte, die in der Umgebung der Deponie gemessen wurden, deutlich zurückgegangen. «Auch wenn beim Rückbau der Deponie wieder Flüssigkeit freigesetzt werden sollte, haben wir Gewähr, dass dieses Wasser von dieser Abschirmung aufgefangen wird.»

Im Rahmen der Gesamtsanierung der Sondermülldeponie Kölliken hat die Marti AG, Bauunternehmung Zürich, zusammen mit der Firma Züblin Stuttgart, als ARGE SMDK INFRA den Auftrag für das Los Infrastruktur erhalten. Bauherr ist das Konsortium SMDK, bestehend aus den Kantonen Aargau und Zürich, der Stadt Zürich und der Basler Chemie.

Hangsicherung durch Pfähle mit Kopfriegeln  

Insgesamt werden drei Hallen erstellt: eine Lagerhalle, eine sogenannte Manipulationshalle und die grosse Abbauhalle. Die Manipulationshalle ermöglicht den Abbau des vorderen Teils des Sondermülls, der zuerst zurückgebaut werden muss, bevor mit dem Rückbau der grossen Deponie begonnen werden kann.

Bereits wurde die Hangsicherung südlich und nördlich der Deponie gebaut. Dazu wurden Pfähle in den Boden versenkt, damit, wenn die Baugrube ausgehoben ist, der Hang nicht ins Rutschen geraten kann. Die Pfähle wurden mit Kopfriegeln versehen. Es handelt sich um eine Betonverbindung mit armiertem Beton, welche die Pfähle verbindet und zusammenhält. Auf diese Grundmauer werden Lisenen (Bezeichnung für solche tragende Elemente) für die Bogenträger der Dachkonstruktion aufgebaut. Zwischen den Lisenen werden Betonwände für die Hallenabschlüsse hinaufgezogen. Im vorderen, östlichen Teil der Baustelle, entsteht der Wasserkeller, dessen Decke als Bodenplatte für die Lagerhalle dient.

Bogenhalle, statt versetzbare Halle  

Das ursprüngliche Projekt für den Rückbau des Sondermülls sah eine versetzbare Halle vor: Eine Abbauhalle, die mit dem fortschreitenden Rückbau versetzt werden kann. Von diesem Konzept ist man inzwischen abgewichen. Marti/Züblin schlugen eine Unternehmervariante vor. Statt der geplanten, versetzbaren Abbauhalle, wird jetzt eine stützenfreie Bogenhalle mit einer Spannweite bis 175 m gebaut. Diese wird sicher auf der Pfahlwand der Deponieumrandung gegründet. Der Deponiekörper selbst bleibt von der Last der Halle unberührt, was den Sicherheitsstandard wesentlich erhöht. Die ursprünglich geplanten 137 Stützen fallen weg und das ermöglicht einen speditiveren Rückbau.

Durch die abgehängte Dachkonstruktion kann das Hallenvolumen insgesamt reduziert werden. Warum kam man nicht schon früher auf diese Idee? „Als die erste, verschiebbare Halle geplant wurde, hielt man es gar nicht für möglich, eine solche Grosshalle zu bauen“, sagt der Geschäftsführer der Sondermülldeponie.

Europaweit einmaliges Wahrzeichen  

Eine Bogenhalle von dieser Dimension wurde in der Schweiz noch nie gebaut. Die Idee für eine solche Stahlkonstruktion hatte Marti/Züblin. Züblin besitzt in der Nähe von Berlin eine Stahlbaufirma (Tochterfirma). Das Know-how für die Grosshalle in Kölliken musste zuerst noch entwickelt werden. «Wir haben letzte Woche das deutsche Werk besucht und festgestellt, dass sich alles auf gutem Wege befindet», berichtet Tradent. Der erste Halbbogen wurde im Werk aufgerichtet. Dabei konnte sich die Schweizer Delegation ein Bild von den Dimensionen dieses Baues machen. Noch im Dezember soll der erste Bogen in Kölliken aufgestellt werden und im Januar kann dann mit der Montage der weiteren Bögen begonnen werden. Mit dem architektonisch interessanten Bauwerk direkt an der Autobahn A1 Bern – Zürich dürfte die Gemeinde Kölliken bald um ein europaweit einmaliges Wahrzeichen bereichert sein.

Mehr Luft, mehr Licht  

Wie reagierten die Anwohner der Sondermülldeponie, die schon einiges über sich ergehen lassen mussten, auf diese Riesenhalle? Kommt doch dieser Bau nur einige Meter vor die erste Häuserzeile zu stehen. Laut dem Geschäftsführer reagierten die meisten positiv auf diese Halle, weil sie ihnen mehr Licht und Luft verspricht. Dank der filigranen Stahlkonstruktion wird die Aussicht der Anwohner grösstenteils gewahrt. Damit die Anwohner auch sicher sein können, dass nichts nach aussen dringt, wird von einer aussenstehenden Firma permanent die Luft gemessen. Die Resultate dieser Messung werden auch im Internet aufgeschaltet, sodass sich jedermann darüber informieren kann.

Trotz allem: Begeistert sind die Anwohner nicht, denn sie müssen sich noch sechs Jahre gedulden, bis dieses unrühmliche Kapitel der Vergangenheit angehört.

240 Millionen Franken für Entsorgung  

Der eigentliche Rückbau der Sonderdeponie wurde der Arbeitsgemeinschaft Phoenix erteilt. Die Arge Phoenix gehören an: Walo Bertschinger AG, Zürich, Eberhard Bau AG,Kloten, Eberhard Recycling AG, Kloten, Ecosoli Süd GmbH Ulm D, Entsorgungszentrum Richi Weiningen AG, Weiningen. Es handelt sich um einen Auftrag für 240 Millionen Franken. «Da keine Einsprachen gegen diese Submission erfolgte, kann der vorgegebene Zeitplan für die Totalsanierung der Deponie eingehalten werden», sagt Jean Louis Tardent. Die Kosten für die bisher im Rahmen der Gesamtsanierung ausgeführten Arbeiten, inklusiv der neuen Halle, betragen 103 Millionen Franken.

Für die fachgerechte Entsorgung ist die Arbeitsgemeinschaft Phoenix verantwortlich. Sie steht unter Vertrag und muss deshalb auch besorgt sein, dass es beim Rückbau zu keinen Engpässen kommt. Entsorgt, verbrannt oder aufbereitet wird der Sondermüll aus Kölliken in spezialisierten Firmen in der Schweiz und im Ausland.

Aus der Steinzeit des Umweltschutzes  

Zur Eröffnung der Deponie im Jahre 1978 schrieb der verantwortliche Hydrologe, P. Nänny von der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG) in einem Brief an die Betreiber folgende Zeilen. «Die nun durch ihr Konsortium Kölliken eröffnete Sondermülldeponie entspricht in hydrologischer und technischer Hinsicht praktisch vollständig meinen Vorstellungen für die gefahrlose Ablagerung von Industrieabfällen.» Und weiter: «Ich bin froh, dass ich dieses Problem jetzt mit gutem Gewissen aus meinem Sorgen-Katalog streichen, und von nun an alle Leute, welche einen ernsthaften Rat für die Beseitigung von Industrieabfällen suchen, an Ihr Konsortium verweisen kann.»

Ein Weltwoche-Artikel und der Deponiestopp  

Dazu kam es allerdings nicht, denn am 25. April 1985 verfügte der Gemeinderat Kölliken einen Deponiestopp. Obschon die Betreiber und der Kanton Aargau die Wiedereröffnung verlangten, kam es nicht mehr dazu. Ein Artikel in der Weltwoche unter dem Titel: «Wenn Gifte sich im Wasser verdünnen» gab den Anlass dazu. Eine danach eingesetzte Expertenkommission hielt eine mittel- und langfristige Gefährdung von Mensch und Umwelt durch die Sondermülldeponie «nicht für ausgeschlossen». Weitere Untersuchungen ergaben, dass es keine andere Möglichkeit gebe, als die Deponie zu schliessen und den Sondermüll wieder zurückzunehmen.

Sondermüll wird es immer geben  

Hat diese skandalöse Geschichte auch etwas Positives bewirkt? – Dazu sagt Geschäftsführer Tardent. «Nach meinen Beobachtungen hat sie zu einem Umdenken in der Industrie geführt. Es fand ein Umschwenken auf andere Prozesse statt, die weniger gefährlich oder keine Abfälle mehr erzeugen. Die schwer entsorgbaren Stoffe haben merklich abgenommen. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein: Sondermüll wird es immer geben.» 

Text und Fotos: Roland Beck







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