Die 60-jährige Wohnsiedlung Stöckacker Süd in Bümpliz will die Stadt Bern abbrechen und auf diesem Gelände mehr und grössere Wohnungen bauen. Darüber werden nicht alle glücklich sein.
Das Quartier Stöckacker Süd in Bern wird neu gebaut
Nr. 03 2008: Die heutige Wohnsiedlung Stöckacker Süd des städtischen Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik besteht heute aus 12 Mehrfamilienhäuser als dreistöckige Wohnscheiben mit Mansarden mit insgesamt 106 Wohnungen, eingebettet in eine grosszügige grüne Lunge mit Spielplatz. Diese Mehrfamilienhäuser haben alle den gleichen Grundriss mit durchgehend 2- und 3-Zimmerwohnungen «mit teilweise kleinen und gefangenen Räumen, die nicht mehr heutigen Bedürfnissen entsprechen», wie die Stadtbehörden mitteilen. Sie stehen auf dem gesamten Gelände versetzt und in recht ansprechendem Abstand. 650 bis 800 Franken kosten die heutigen Wohnungen, neu wird eine 3 ½-Zimmerwohnung auf etwa Franken 1400 zu stehen kommen. Vorgesehen sind hier zur Hälfte 4 ½-Zimmerwohnungen, 20 Prozent der Appartements sollen 5 ½-Zimmerwohnungen und 30 Prozent 3 ½-Zimmerwohnungen gebaut werden. Eine Sanierung und Verdichtung der Siedlung ist geprüft und verworfen worden. Ein Abbruch und Neubau sei rentabler, erläuterte Marcel Mischler, Bereichsleiter Baumanagement in der städtischen Liegenschaftsverwaltung. Es wird mit einer Investition von 40 Mio. Franken zu rechen sein.

 

Es besteht kein Zweifel: Die Siedlung Stöckacker Süd ist sanierungsbedürftig. 1945/46 wurde sie im Auftrag der Stadt zur Linderung der Wohnungsnot errichtet. Die Bausubstanz sei alt, die Wärmedämmung sowie der Schallschutz gegen die SBB-Geleise fehlten ganz, so Marcel Mischler. 2012 soll die heutige Wohnsiedlung Stöckacker Süd vollständig rückgebaut werden. 2014 sollen zwischen 135 bis 155 neue und vorwiegend auch grössere Wohnungen realisiert sein.

 

Rückwanderung junger Familien

Noch vor 15 Jahren seien viele junge Familien hinaus ins Grüne gezogen. Nun zeichne sich eine Umkehr dieser Entwicklung ab. «Wohnen in der Stadt ist wieder ‚in’», äusserte die Fondspräsidentin und Gemeinderätin Barbara Hayoz vor den Medien. Die Stadt müsse für diesen Trend gerüstet sein. In Bern gebe es noch immer zu wenig Wohnraum, obwohl derzeit so viele neue Wohnungen gebaut würden wie schon lange nicht mehr. Umnutzungen und Verdichtungen reichten nicht aus, führte Hayoz weiter aus. Da brauche es Neubauten. Auf «diesem neuen Weg im kommunalen Wohnungsbau» soll das Projekt aber auch in weiterer Hinsicht «wohnbaupolitischer Leuchtturm» sein. Die neue verkehrsarme Siedlung werde auch ökologischen Ansprüchen genügen und es werde nach dem Grundsatz der 2000-Watt-Gesellschaft geplant. Zudem soll eine innovative Wassernutzung integriert werden.

 

Zwei Hürden

Bevor an den Abbruch 2012 und den Baubeginn zu denken ist, hat die Stadt einen Architekturwettbewerb einzuleiten. Zudem wird das Stimmvolk an der Urne über die nötige Überbauungsordnung zu befinden haben. Das letzte Wort ist also noch nicht geschrieben.

 

Wehrmutstropfen

Nach Zürich mit der Siedlung Werdwies und anderen Städten ist der Abbruch eines Quartiers in der Stadt Bern sozusagen ein zukunftsfähiger Aufbruch ins Neue. Daran haben die Mieter der 106 Wohnungen keine wahre Freude. Am 22. Januar sind sie vor Ort in einem eigens dafür errichteten Festzelt über die neuen Pläne informiert worden. Für einige der betroffenen Mieter mag es auch ein Schock gewesen sein. Zwar beruhigte Gemeinderätin Barbara Hayoz die 70 Anwesenden: «Wir werden Sie nicht im Stich lassen.» Die bisherigen Mieter würden bei der Vergabe der neuen Wohnungen privilegiert. Doch ob sich das viele der angestammten Bewohner auch ausländischen Ursprungs leisten können, ist fraglich.

Barbara Hayoz verwahrte sich gegen jeglichen Vorwurf, man mache eine alte Arbeitersiedlung platt und man schaffe Wohnraum für eine besser gestellte Klientel. Es würden keine Luxuswohnungen gebaut, man wolle vielmehr Leuten urbanes Wohnen mit niedrigem Einkommen ermöglichen. Wenn allerdings bereits die 3 ½-Zimmerwohnung gemäss Renate Ledermann, Leiterin der städtischen Immobilienverwaltung, etwa 1400 Franken kostet, wirkt diese Aussage in gewissen Ohren etwas flach. Wenig hilfreich ist auch die Aussage von Hayoz, es gebe günstigen Wohnraum in der Nachbarschaft zudem noch reichlich.

 

Ein Mieterbüro unterstützt

Für die Unterstützung der bisherigen Bewohner auf der Suche nach einer Übergangs- oder Ersatzwohnung werde ein eigenes Mieterbüro eingerichtet. Die Vermittlung von Wohnungen soll möglichst aus dem Fundus der städtischen Immobilien erfolgen. Zudem wird eine Hotline zur Beratung in mehreren Sprachen eingerichtet. Entrüstet über den Abbruch sind die meisten Bewohner nicht. Doch die zukünftigen Mietzinse, wenn auch nicht definitiv festgelegt, beurteilen einige als eindeutig zu hoch. Andere können sich vorstellen, in eine neue Wohnung im Stöckacker Süd einzuziehen. Sie sind durchaus der Meinung, dass die Wohnungen saniert oder neu gebaut würden. Aber auch sie sind über die Höhe der Mietpreise enttäuscht.

 

Überalterte Liegenschaften

«Das Projekt Stöckacker Süd ist zunächst einmal einzigartig», versicherte Barbara Hayoz. An sanierungsbedürftigen Siedlungen mangle es dem Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik aber nicht. Der Liegenschaftsbestand sei überaltert und entspreche nicht mehr den heutigen Raumbedürfnissen. Sie schliesst aber nicht aus, wenn das Projekt Stöckacker Süd eine Erfolgsgeschichte werde, auch andere Siedlungen zu erneuern.

Es lässt sich für Mieter mit eher knappem Budget in Liegenschaften des Fondsetwas ruhiger schlafen, dass rund 80 Prozent der Liegenschaften des Fonds im Bauinventar sind, so dass eine Sanierung oder gar ein Abbruch meist nur schwer möglich sind. Denn günstige Wohnungen werden im urbanen Raum zunehmend knapper.

 

Text und Fotos: Andreas Moning

 








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