«Futuro» Liestal setzt neue Massstäbe für öffentliche Gebäude. Diese Überbauung zeigt, dass das Bauen immer wieder neu erfunden werden kann.
Städtebau: «Futuro» Liestal – ein wegweisendes Projekt
Nr. 12 2008: Die Überbauung «Futuro» in Liestal setzt städtebaulich wie ökologisch neue Akzente. Die Büro- und Gewerbebauten befinden sich unter der Erde. Mit der Einhaltung des Minergie-Standards übernimmt die Überbauung einen Vorbildcharakter.

Für viele Dienstleistungsbetriebe, wie etwa Versicherungsanstalten, ist es meist eine Prestigeangelegenheit, möglichst im Zentrum einer Stadt vertreten zu sein. Das war bislang auch bei der Basellandschaftlichen Gebäudeversicherung (BVG) in Liestal so. Weil der Raumbedarf ständig stieg, mussten Büros auch in andern Häusern untergebracht werden und es stellte sich die Frage nach einem Neubau. Die Versicherung entschied sich für eine Überbauung an der Peripherie von Liestal – und nicht im Stadtzentrum.

 

Für eine Institution mit einem regen Kundenverkehr ist eine zentrale, verkehrstechnisch gut erschlossene Lage wichtig. Die Basellandschaftliche Gebäudeversicherung nahm eine Standortevaluation vor und prüfte auch die Möglichkeit, ausserhalb der Stadt zu bauen. Die Fakten sprachen nicht dagegen, im Gegenteil, auf der grünen Wiese boten sich kreativere Lösungen an.

Die BVG kaufte deshalb ausserhalb der Stadt das 18 000 Quadratmeter grosse Grundstück Gräubern. Mit dem Erwerb dieses Landes und einer Überbauung kann sie nun ihre Raumbedürfnisse sicher stellen, und einen neuen städtebaulichen Akzent schaffen. Zudem leistet sie mit einer Investition von zirka 110 Millionen Franken einen wertvollen Beitrag zur wirtschaftlichen Belebung der Region. Sie bietet ausserdem bestehenden und neuen Unternehmen Raum, denn für den Eigenbedarf wäre eine solche Überbauung überdimensioniert.

 

Internationaler Wettbewerb

Besondere Ansprüche wurden an die Architektur gestellt, deshalb versuchte man mit einem Architekturwettbewerb möglichst viele gute Projekte zu erhalten. «Dieser Wettbewerb wurde international ausgeschrieben, weil das bei jedem Projekt über 10 Millionen Franken obligatorisch ist», berichtet der Bauherrenvertreter, Martin Kümmerli vom Architekturbüro i + k in Zug. Das Interesse an diesem Wettbewerb war sehr gross, es wurden 80 Projekte eingereicht. Viele planten eine Überbauung mit kubischen Formen in allen Variationen. «Nur ein Projekt unterschied sich von allen andern. Es war zu 80 Prozent sogar richtig exotisch»,sagt Martin Kümmerli. Die Büro- und Laborgebäude sollten vollständig unter dem Boden verschwinden. Dieses Konzept stammt aus Venedig: Das Architektentrio Carlo Calderan, Luca Cuszzolin und Elena Pedrina brillierte mit ihrem Projekt «Futuro».

 

Übergang Stadt und Land

Die italienischen Architekten haben die Situation am Stadtrand von Liestal sehr gut erfasst und erkannten, dass das ländliche Waldenburgertälchen just dort ausläuft, wo die Überbauung entstehen soll. Hier setzen sie einen Akzent und planten einen sanften Übergang vom ländlichen zum städtischen Gebiet. Nach der Fertigstellung der Bauten entsteht hier eine prächtige Parklandschaft mit Spazierwegen. Um die ganze Siedlung wir ein Grüngürtel angelegt, welcher der Vernetzung der Lebensräume der Tier- und Pflanzenwelt dient. Hier kommen beispielsweise noch Mauerechsen vor.

 

Genügend Licht?

Eine der häufigsten Frage, die von Besuchern der Baustelle gestellt wird, lautet: Reicht das Tageslicht für die Büros und Labors aus oder kann hier nur mit Kunstlicht gearbeitet werden? Dem ist nicht so: In allen Büros der zwei Untergeschosse reicht das Tageslicht aus. Denn erstens wird das Sonnenlicht optimal genutzt und zweitens tragen zwei Höfe zu einer guten Beleuchtung bei. «Die grössten Skeptiker sind heute überrascht, wie hell es in diesen Räumen ist», berichtet Martin Kümmerli. Die «Erdhäuser» haben noch einen andern Vorteil:  Die Leute, die hier arbeiten, bleiben vom Lärm der Strasse und der Bahn verschont. Sie müssen sich auch nicht diese triste Vorstadtlandschaft ansehen. Übrigens: Schon in prähistorischen Zeiten hat man unter der Erde Schutz gesucht und gefunden. Nur hat man heute das Tageslicht gleich mitgenommen.

 

Kühlung mit Grundwasser

Eine Besonderheit ist auch, dass die Häuser im Sommer mit Grundwasser gekühlt werden. So kann auf energieintensive Kühlsysteme verzichtet werden. Die Verantwortlichen der Stadt Liestal, die für die Trinkwasserfassung zuständig sind, waren am Anfang sehr skeptisch. Erst Simulationen überzeugten sie, dass das Grundwasser durch diese Entnahme nicht beeinträchtigt wird.

 

Grossen Wert wird auch auf die Nachhaltigkeit und die Nutzung erneuerbarer Energien gesetzt: 82 % Holzschnitzel-Fernwärme, kontrollierte Belüftung mit Wärmerückgewinnung, minimale sommerliche Kühlung mit Grundwasser (wie oben erwähnt) und Strom sparende Beleuchtung nach Minergie werden eingesetzt. Das Einhalten des Minergie-Standards stellt sicher, dass das Projekt energieeffizient geplant und ausgeführt wird und die Behaglichkeit für die zukünftigen Nutzer gegeben ist.

 

Gut erschlossen

Obschon nicht mit einem regen Kundenkontakt zu rechnen ist, mussten auch die Verkehrsverhältnisse abgeklärt werden. Insbesondere die Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr. Das Resultat fiel überzeugend positiv aus: Die Überbauung Futuro kann bequem mit dem Bus oder auch mit der Waldenburgerbahn erreicht werden: Die Siedlung ist mit 285 täglichen ÖV-Verbindungen und einem direkten Anschluss an die Schnellstrasse H2 optimal an die grossen Verkehrsachsen eingebunden.

 

«Weil viele Mitarbeiter trotzdem das Auto benützen werden, ist der Eingang zur Tiefgarage gleichzeitig auch die Pforte zur Überbauung Futuro», stellt der Bauherrenvertreter fest. In der ersten Bauetappe sind 125 Parkplätze in der Tiefgarage und 35 im Freien geplant und in der zweiten Etappe 114 Plätze in der Tiefgarage und 40 draussen.

 

Die erste Etappe vor der Fertigstellung

Mit dem Bau der ersten Etappe wurde am 21. März 2007 begonnen. Überbaut wird eine Fläche von 9100 m2 von insgesamt 18 000 m2. Dies entspricht einer Investition von 62 Millionen Franken von insgesamt zirka 110 Millionen Franken. Die ersten Bauten können schon im Dezember dieses Jahres bezogen werden, bis Ende April 2009 sind alle bezugsbereit.

 

Bei den ersten Vergaben von 49 Millionen Franken hat man auch festgehalten, wohin dieses Geld fliesst: Vier Prozent in EU-Länder, 33 Prozent in die Schweiz ohne Basel Landschaft und 63 Prozent bleibt im eigenen Kanton. Damit hat sich die Befürchtung, Grossprojekte würden künftig nur noch von ausländischen Firmen ausgeführt, nicht bewahrheitet. «Aus Deutschland und Frankreich hat sich keine einzige Firma um einen Auftrag beworben», stellt der Bauherrenvertreter fest. Weil die Beschäftigungslage bei der Ausschreibung so gut war, hatte man oft sogar Mühe, überhaupt Offerten zu erhalten. Heute wäre das wohl schon wieder anders.

 

Auch andere profitieren

Die Basellandschaftliche Gebäudeversicherung benötigt für den eigenen Bedarf nur etwa 18 Prozent der Gesamtfläche selber. Zusätzlich schafft sie Raum für weitere Firmen: So werden die beiden privaten Unternehmen gribi theurillat AG und Dr. Eicher + Pauli AG in der ersten Etappe einziehen. Das Kantonale Laboratorium des Kantons Basel-Landschaft wird ebenfalls ins Futuro zügeln und 11 Prozent der Gesamtfläche belegen. Auch für eine mögliche Zusammenlegung der Kantonalen Laboratorien von Basel-Landschaft und Basel-Stadt wäre genug Platz zur Verfügung.

 

Viele Auflagen

Auf einer grünen Wiese zu bauen, davon träumt jeder Architekt. Andererseits gibt es auch dort so viele Vorschriften, dass das Bauen nicht einfacher wird, denn es muss auf Vieles Rücksicht genommen werden. Ohne Umweltbegleitung kann bei einem solchen Projekt gar nicht mehr gebaut werden. Das fängt schon beim Boden an: In der Verordnung über die Belastung des Bodens heisst es zum Beispiel: «Wer Boden aushebt, muss damit so umgehen, dass dieser wieder als Boden verwendet werden kann.» Zudem dürfen Arbeiten nur bei günstiger Witterung ausgeführt werden und es dürfen nur Raupenfahrzeuge eingesetzt werden, weil sie die Auflageflächen vergrössern und eine geringere Flächenpressung entsteht.

 

Alle Fahrzeuge, die auf die Baustelle Futuro fahren, mussten mit einem Partikelfilter ausgerüstet sein. «Am Anfang wurde deshalb jedes Fahrzeug, das auf die Baustelle fuhr, fotografiert und danach kontrolliert», berichtet Martin Kümmerli. Ebenso die Baumaschinen, die eingesetzt werden.

 

Mengen und Tonnagen

Die Mengen und Tonnagen, die sich bei der 1. Etappe ergaben, sind beachtlich: Aushub 90 000 m3, Hinterfüllung 10 000 m3, Beton 10 000 m3, Armierungsstahl 1200 t, Spriesse 7200, Schalung 24'000 m2, Betonstützen 215, Elektrorohreinlagen 15 km.- Auf der Baustelle herrscht ein gutes Klima. Bauleute, mit denen wir sprachen, sagten, das sei eine gute Baustelle, sie würden gerne hier arbeiten. Das sind auch gute Voraussetzungen, dass am Schluss etwas entsteht, das von einem guten Geist getragen wird.

 

Neue Massstäbe

«Futuro» Liestal setzt neue Massstäbe für öffentliche Gebäude. Diese Überbauung zeigt, dass das Bauen immer wieder neu erfunden werden kann. Gefragt sind deshalb auch «exotische» Ideen, wie diejenigen der Venezianer.

 

Text und Fotos: Roland Beck

 

 











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