Wasserkraft, sicherheit und umweltschutz

Im August 2011 hatte der Regierungsrat des Kantons Aargau die Baubewilligung für das Projekt Erneuerung Kraftwerk (KW) Rüchlig und die Konzession für weitere 60 Jahre erteilt. Nun geht das 120-Millionen-Projekt in die Endphase. Im Sommer 2015 ist die Zurlindeninsel wieder mehrheitlich grün und keine Grossbaustelle mehr.

An diesem sonnigen Morgen anfangs März positionieren zwei Bauarbeiter die Schaltafel für die Betonierung der Bootsübersetzanlage (Kahnrampe). Der Bärlauch schiesst aus dem noch trockenen Waldboden neben der Baubaracke. Im Sitzungszimmer im Innern der Baracke erklärt Norbert Bättig, Chefbauleiter des Bauherrn Axpo Power AG und Bindeglied zur ARGE Kraftwerk Rüchlig, bestehend aus den Firmen Rothpletz Lienhard + Cie AG, Implenia Bau AG und Meier + Jäggi AG Zofingen, anhand vieler Pläne, alter und neuer Fotos und Modelle, was genau hier seit dem Spätherbst 2011 und bis im Frühling 2015 vor sich geht. Einerseits werden die drei bestehenden Kaplan-Rohrturbinen (horizontale Turbinen) durch neue Modelle ersetzt, anderseits wird eine baugleiche vierte Maschine neu eingebaut. Gleichzeitig wird das Maschinenhaus rückgebaut. Mit dem neu geschaffenen Deckelkraftwerk wird so der Blick von der Oberwasserseite auf die Jurahöhen wieder freigeben. Im nebenliegenden Altlauf der Aare wird neu ein kleineres Dotierkraftwerk die Restwassermenge nutzen.

Hochwasser- und Umweltschutz

Neben den vier Turbinen wird Platz für zwei Hochwasserentlastungsfelder geschaffen. Mit diesen Erneuerungen wird die maximale Abflussmenge von heute 1180 Kubikmetern pro Sekunde (HQ20) auf 1400 (HQ100/ n-1-Regel) bzw. 1700 Kubikmeter pro Sekunde (EHQ, alle Wehrfelder offen) erhöht. Überhaupt ist das Thema Wasser nicht nur optisch allgegenwärtig in diesem Projekt. Neben den Hochwasserentlastungsfeldern wurden in den Quartieren Telli und Scheibenschachen im Rahmen des Hochwasserschutzes Dämme bzw. eine Dichtwand erstellt. Und wie bei solchen Erneuerungen üblich, entstehen zwei Fischaufstiege und – ein Novum in der Schweiz – ein Fischabstieg mit horizontalem Rechen für alle Fischarten. Zudem wird der im Moment noch eingedolte Frey-Kanal, ein ehemaliger Werkkanal der Schokoladefabrik Frey, wieder einen natürlichen Wasserlauf erhalten.

„Ein Wasserkraftwerk auf der grünen Wiese – oder im grünen Wasser – zu bauen, wäre einfacher. Die Herausforderung bei diesem Projekt besteht darin, dass die aktuellen Arbeiten zu einem grossen Teil unter Kraftwerks-Betrieb stattfinden.“, sagt Bättig und tritt aus der Baubaracke an die Sonne. Der Rundgang beginnt. Die Betonprofis bei der Bootsübersetzsanlage machen Pause. Aber ein anderer spannender Teil des Erneuerungsprojektes erklärt der Chefbauleiter, und zeigt dabei in die grünen Tiefen der Aare. „Genau hier wurden rund 18‘000 Kubikmeter Flussbett ausgehoben, um so eine Talwegrinne von rund 500 Meter Länge, 20 Meter Breite und bis zu 2,5 Meter Tiefe zu schaffen. Ziel dieser Talwegrinne ist es, dass das Wasser optimal auf die Turbinen fliesst. Eine parallel verlaufende Dichtwand schützt das angrenzende Quartier vor allenfalls steigendem Grundwasser.

Weiter geht’s in den Turbinenraum - im Abstand von drei Monaten werden im Moment die neuen Turbinen eingebaut und getestet. Auch die Arbeiten am Fischaufstieg sind im Gange und die Erklärungen, wie mit den verschieden grossen Öffnungen die ideale Strömung für die Fische erzeugt werden, ist hochkomplex.

 

Sicherheit unter Strom

Ein solches Projekt stellt hohe Anforderungen an die Sicherheit. Neben den üblichen umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen der Axpo Power AG wurde das Führungspersonal der Lieferanten und Auftragnehmer der in Spitzenzeiten über 100 Mitarbeitenden regelmässig geschult und mit Merkblättern und Notfallnummern bestückt. Phasenweise musste jeder einzelne Raum für Arbeiten freigegeben werden. Die Gefahr, dass ein ahnungsloser Arbeiter auf eine unter Spannung stehende Stromleitung getroffen wäre, wäre zu gross gewesen. Und selbstverständlich ist Helmtragen Pflicht. Und zwar für jeden, auch im Innern des Kraftwerks. Eine Kranladung fällt da zwar keinem auf den Kopf. „Dafür schlägt man hin und wieder den Kopf an einem der gigantischen Stahlteile an. Und da bin ich jeweils froh um meinem Helm“, sagt Bättig und klettert aus der soeben montierten dritten Rohrturbine. „Aber bezüglich Sicherheit ist alles reibungslos gelaufen, bis jetzt“, bestätigt er und so soll das bis zum Abschluss der Bauarbeiten im Sommer 2015 auf der idyllischen Zurlindeninsel mitten in der Aare auch bleiben.


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