Holzbaupioniere in ihrem Element

Für seine Verdienste im Holzbau hat Max Renggli jüngst die Auszeichnung Cadre d’Or 2013 überreicht erhalten. Der Mann aus dem Luzerner Hinterland hat mit seiner Firma ein Elementbausystem perfektioniert, das über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Was ist das spezielle an einem Renggli-Haus? Ein Augenschein auf der Baustelle.

 

„Fühlen Sie sich hier wie in einem Rohbau?“, fragt Verena Egli. Erwartungsvoller Blick. Die Frau strahlt um die Wette mit der Sonne, die an diesem Novembermorgen durch das 18-Quadratmeter-Fenster direkt ins künftige Wohnzimmer scheint. Ins Wohnzimmer eines Renggli-Hauses. Gleich drei solche Häuser stehen nebeneinander in der Wohnüberbauung Citypark an der Wilemattstrasse, just hinter dem Städtchen Sursee. Draussen vor der Balkontür plätschert die Sure vorbei, die dem Ortsnamen Taufpatin stand, drinnen schickt sich der Gipser an, dem einen Weissputz zu verpassen, was von den Holzsystembauelementen noch sichtbar ist. Spatenstich war im April 2012, im vergangenen Juni begann der Rohbau für das letzte der drei Häuser. Vier Geschosse, die Holzkonstruktion in zehn Tagen montiert von acht Mann. Im März 2014 ziehen die Bewohner im letzten Haus ein.

 

Verena Egli ist als Projektleiterin für die ganze Baustelle verantwortlich. Seit 13 Jahren arbeitet die gelernte Bauleiterin bei der Renggli AG. Zuvor war sie im Massivbau tätig, hatte alles gesehen, was die Branche zu bieten hatte: Stahlkonstruktionen, Mehrfamilienhäuser, Industriebauten. „Anfänglich konnte ich mir die Elementbauphilosophie nur schwerlich vorstellen“, sagt Verena Egli. Umso mehr schätzt sie heute jene Art des Bauens, wie sie das 90-jährigen Holzbauunternehmen in dieser Konsequenz seit Anfang der 1990er-Jahre pflegt.

 

Und die sieht im Falle von Haus A des Cityparks zu Sursee so aus: Das Fundament, das besteht auch bei einem Renggli-Haus aus Beton. Eine Symbiose von Tiefbau und Holzhochbau nennt es Verena Egli: „Wir müssen jenes Material da einsetzen, wo es hingehört.“ Weil das Gelände entlang der Sure einen schlechten Baugrund hat, musste gepfählt werden, bevor Tiefgarage und Untergeschoss ausbetoniert wurden. Und weil bereits vor Baueingabe klar war, dass hier dereinst ein Vorzeigeobjekt in Sachen Energieeffizienz stehen würde, sind diese Pfähle Stützen und Energieträger zugleich: Sie beinhalten eine Soleleitung zur Wärmegewinnung. Eine Photovoltaikanlage auf dem begrünten Dach liefert zudem Energie, 16 bis 19 kw peak, und trägt zum Label der Überbauung bei: Sie ist im Minergie-A-ECO-Standard ausgeführt. Eine Premiere im ganzen Kanton Luzern.

 

Herz aus Beton

 

Der zweite und bereits letzte Einsatz von Beton bildet das Herzstück des Hauses: Treppenhaus und Liftschacht machen 10 Prozent der Gebäudefläche aus. Rund um diesen „Betonturm“ haben die Monteure die Holzelemente – einem dreidimensionalen Puzzle gleich – aufgebaut, verschraubt, verkeilt. Ob Geschossdecke, Aussenwand oder tragende Innenwand: Produziert wurden sie in gerade einmal sieben Arbeitstagen in der Werkhalle in Schötz, 17 Kilometer von hier. „Grundsätzlich“, sagt Verena Egli und strahlt, „können wir jedes beliebige geplante Gebäude als Holzbau ausführen.“ Für Haus A am Surenufer gabs vom Architekten einen Plan. 1:100. Aufgrunddessen wurden in rund 2800 Arbeitsstunden im Hause Renggli die nötigen Ausführungspläne und Elemente entworfen.

 

Noch ist der Beton roh im Treppenhaus. Verena Egli steigt nach oben. Ganz nach oben, in den dritten Stock, wo noch Teile der Elemente im Urzustand zu sehen sind. Eine nichttragende Innenwand zum Beispiel ist 28 Zentimeter dick. Zu sehen ist nur die Gipskartonplatte, 15 Millimeter dick. Darunter liegt eine gleichdicke Gipsfaserplatte. Im Kern 10 Zentimeter Holzständer und 6 Zentimeter Dämmung, und dann noch einmal Gipsfaser- und Gipskartonplatte. Bei einer Aussenwand kommen Fassadenhaut, Hinterlüftung und Luftdichtigkeitsschicht hinzu, während ein Geschossdeckenelement unter anderem Kalksplitt zur Schalldämmung enthält. Bis zu 12 Meter lang und raumhoch sind die grössten Elemente. Und rund 4,2 Tonnen schwer. Das Holz dazu stammt aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Insgesamt 570 Kubik Holz stecken in der Konstruktion. Für die Fassade, die aus Holz und Metall besteht, wurden 1800 Quadratmeter Tannenschalung eingesetzt. „Keine Fichte“, sagt Verena Egli. „Wegen der Holzgalle.“

 

Architekten überzeugt

 

Das ganze Haus A hat ein Volumen von knapp 11‘000 Kubikmetern und 2792 Quadratmeter Geschossfläche, verteilt auf sieben Wohnungen, 2 ½ bis 4 ½ Zimmer. Über 250 solcher zertifizierte Gebäude hat die Renggli AG bereits realisiert. In dem 2012 eröffneten Produktionswerk sollen jährlich 150 Bauprojekte entstehen. Die Rückkehr im grossen Stil dieses nachhaltigen Baustoffes hat mehrere Gründe: „Wir konnten den Architekten aufzeigen, dass mit Holz alles möglich ist“, sagt Verena Egli. Wirklich alles? Einzig bei der Gesetzgebung und bei der Statik stosse man irgendwann an Grenzen.

 

Sechsgeschossig hat die Renggli AG bereits mit Holz gebaut. Ihre jüngste Innovation betrifft indes nicht die Höhe sondern eher den Vorfertigungsgrad. Das Projekt Vision: R4 ist „das erste Haus in der Schweiz, das der Kunde selber per Mausklick am PC samt Innenausbau konfiguriert“, meldete das Unternehmen im März anlässlich der Präsentation in Rothrist. Im Gegensatz zum klassischen Holzsystembau werden hier nicht nur Elemente, sondern ganze Raummodule – ebenfalls aus Holz – vorgefertigt. Die Vorteile bleiben indes die gleichen wie bei Haus A im Surseer Citypark, wo die Sure vor der Balkontüre fliesst. „Im Massivbau verregnet es einem ein Gebäude hundertmal“, sagt Verena Egli und tritt auf den Balkon im dritten Stock. Die Sonne wärmt so gut sie kann. Trockenheit, Sauberkeit und Geschwindigkeit: das sind drei weitere Trümpfe der vorgefertigten Bauelemente. Den Bauführern erleichtere das die Arbeit auf der Baustelle. Luftdichtungen und Anschlüsse – alles wird im Werk eingebaut und getestet.

 

Und obwohl Verena Egli erst ein gutes dutzend Jahre Systembauerfahrung hat: in dieser Zeit habe sich viel verändert, der Vorfertigungsgrad sei gestiegen: „Heute bauen wir sogar die Fensterscheiben schon vorgängig ein.“ Stärker verdichtete Steinwolle erlaube höhere Dämmstärke bei dünneren Wänden. Dank grösserer Wendeplatten im Werk sind auch grössere Elemente möglich. Etwa der Terrassenaufbau, auf dem sie gerade steht. Doppelt verstärkt mit Kerto Q, 27 Millimeter, eine Voraussetzung für die stützenfreien Balkone mit den eingelassenen Sonnenstoren, einem gestalterischen Detail. Diesbezüglich steht die Holzkonstruktion der herkömmlichen Bauweise in nichts nach. Günstiger kommt sie am Ende indes nicht. Weil die Rohstoffe nicht günstiger seien, begründet Verena Egli. Bei den Elementen kommt nur verleimtes Holz zum Einsatz, Schwindmassen fallen weg. Es gebe weder Bodenabsenkung noch Rissbildung sondern sofort nach der Montage in den Räumen ein Wohlbefinden. In der Tat: Wären da nicht der Gipser an der Arbeit an diesem Morgen im November in Haus A – man wähnte sich kaum in einem Rohbau.


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