Katzenkopfsteinpflaster, Persönlichkeits- und Teambildung


Hämmern und Klopfen - das ist Musik

Der Weg windet sich vorbei an noch braunen Kastanienbäumen in die Höhe. Unsere Baustelle des Monats passt perfekt zum Schwerpunkt Karriere und Nachwuchs. Rund 60 angehende Poliere der Baukaderschule St. Gallen verbringen eine Projektwoche im Tessin mit dem Titel «Persönlichkeitsbildung für Baukader». Neben Schulungsblöcken bildet die «Fronarbeit» für das Feriendorf «Campo Pestalozzi» in Arcegno ein Schwerpunkt.

Die Sonne scheint, aber der Wind ist noch kalt an diesem Morgen im April im Tessin. Bereits um 07.00 Uhr befasst sich eine 20köpfige Gruppe im Schulungsraum der Jugendherberge Locarno mit dem Thema «Sozialkompetenz für Vorgesetzte und Ausbildner», das Reto Wambach den Teilnehmern vermittelt. Müde gibt’s hier nicht. In Gruppen setzen sich die angehenden Poliere unter anderem mit der Frage auseinander, welche Führungstypen sie sind, während dem ihre Kollegen den Tag auf der Baustelle in Arcegno verbringen.

Das rhythmische Klopfen verrät, was hier gemacht wird. Rund 40 Teilnehmer des Lehrgangs Bau-Polier 2018/2020 beginnen hier im Campo Pestalozzi in Fronarbeit mit dem Bau einer Strasse aus Katzenkopfsteinpflaster, die die verschiedenen Häuser des Feriendorfes zu einer Einheit verbinden wird. Roland Lohri, Lehrgangsleiter, erklärt weshalb. «Aktuell sind die Häuser durch Naturstrassen und -wege miteinander verbunden. Zum Schutz des Waldes und der Landschaft sollen nun Strassen entstehen, die eine klare Zufahrtsregelung ermöglichen.» Die Baukaderschule St. Gallen engagiert sich bereits das vierte Jahr im Campo Pestalozzi. Die Ideen und Bedürfnisse des Stiftungsrates werden jeweils vorab geklärt und anschliessend geplant.

Kein Mörtel, aber Sand

Doch zurück zu unserer Baustelle. Es klopft nicht nur, es gibt auch viel anderes zu tun. «Zuerst muss der Untergrund abgetragen werden, dann folgen der Kieskoffer und die Abschlüsse mit Stellriemen. So ist der Untergrund bereit für die Pflästerung mit Katzenkopfsteinen – wie auf der Piazza Grande in Locarno.», erklärt Lohri. Rund 80 % der Auszubildenden seien Hochbauer, und rund 20 % Tiefbauer und eigentlich keine Strassenbauer. Deshalb habe er sich zwei Profis geholt. Die Pflästerermeister, Vater Edi und Sohn Roger Bayer, haben die angehenden Poliere geschult, unterstützen sie und stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Ist das Pflaster verlegt, wird es mit Sand - und nicht etwa mit Mörtel - verfugt, gespült und einvibriert. «Je satter die Steine, desto stabiler die Strasse», antwortet Lohri auf die Frage, ob diese Steine denn stabil genug seien, um von Autos befahren zu werden.

Aber wie die Bezeichnung der Projektwoche «Persönlichkeitsbildung für Baukader» sagt, geht es hier nicht allein darum, Strassen zu bauen. Die 60 Teilnehmer sollen nach zwei Wochen Blockunterricht zu einem Team zusammenwachsen. Und der Schein trügt nicht. Auf den ersten Blick wird klar, dass hier alle Hand in Hand arbeiten, zueinander schauen und offen miteinander umgehen. Sei es beim Pflästern, beim Sandschaufeln, oder beim Kochen im Küchenhaus - die buntgemischte Truppe von Bauprofis hält zusammen. Da erstaunt es nicht, dass nach hervorragenden Hörnli, Hackfleisch, Apfelmus und Salat die Küchenbrigade einem Geburtstagskind Kuchen und Kerzen bringt und die ganze Truppe ein Happy Birthday schmettert. «Unser Hauptziel ist es, gruppendynamische Prozesse zu aktiveren», sagt Lohri und wenn sein Blick über die 60 Teilnehmer schweift, die in Gruppen arbeiten, diskutieren und lachen, so ist er zufrieden.


 

Nicht nur Polier, auch Berufsbildner

Nach dem Mittagessen und einer kurzen Pause geht’s weiter. Das Thema «Lernende ausbilden» steht auf dem Programm. Dies, weil die Absolventen der Baukaderschule St. Gallen neben dem Abschluss als Polier auch den Kompetenznachweis als «Berufsbildner 100 Stunden» des Kantons St. Gallens erhalten. «Wir sind überzeugt davon, dass diese Investition in den Nachwuchs sich lohnt, und sich unsere Poliere mit diesem Nachweis auf dem Markt abheben können», betont Lohri.

Der Input zur Ausbildung von Lernenden kommt von einem erfahrenen Ausbildner. Thomas Sutter von der Stutz AG sagt den Zuhörern, auf was es ankommt und wo Zeit investiert werden muss. Vorab bei der Auswahl des Lernenden. Aber die richtige Wahl allein reicht nicht. Die Ausbildung im Alltag bleibt wichtig und muss einen festen Platz in der Wochenplanung haben. Sutter stellt klar: «Die Ausbildung der Lernenden steht und fällt mit den Polieren.» Es ist kurz ruhig in der Runde am Ende des Referats. Viele haben ihre Lehre vor nicht allzu langer Zeit selber abgeschlossen und werden sich ihrer zukünftigen Funktion als Polier und Kader auf der Baustelle bewusst. «Genau das ist das Ziel dieser Woche», sagt Lohri, «einerseits, dass die Gruppe zusammenwächst, anderseits, dass die Teilnehmenden auf ihre neue Funktion vorbereitet werden und lernen, ihr Verhalten zu reflektieren.»


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