Engadiner Holz und Nachhaltigkeit für die Ski-Weltmeisterschaften 2017


Wenn Mitte Oktober auf Corviglia ob St. Moritz der erste Schnee fällt, sind die baulichen Vorbereitungen für die Ski-Weltmeisterschaften in St. Moritz abgeschlossen. Sie werden für ein paar Wochen unter einer Schneedecke auf ihren Einsatz vom 6. bis 19. Februar 2017 warten. Für Beat Lüscher, Förster und Leiter der Abteilung Infrastruktur und Umwelt der Gemeinde St. Moritz geht damit eine intensive aber auch sehr befriedigende Bauphase zu Ende.

Ende August wirken die Weiden ob St. Moritz noch relativ verschlafen. Der Subaru von Beat Lüscher, Leiter Infrastruktur und Umwelt der Gemeinde St. Moritz und Förster, windet sich die steilen Bergwege in die Höhe und kreuzt hier ein paar Wandere und da ein paar Mountain-Biker. Plötzlich durchbricht das Rotorengeratter eines Helikopters die Ruhe. Lüschers Blick sucht und findet: „Die Baumstämme, die der Helikopter auf den Grat des Piz Nair Pitschen transportiert, sind Kastanien aus dem Tessin. Sie sind Teil der Lawinenverbauungen, die momentan gebaut werden“.

Startschuss: FIS-Kongress Südkorea 2012

Aber begonnen hat alles am FIS-Kongress in Südkorea im Jahr 2012, als Swiss-Ski und die Gemeinde St. Moritz den Zuschlag für die Ski-WM 2017 erhalten haben. Das Bauamt St. Moritz ist zuständig für Planung und Bau, der WM-Verein für die Organisation und Durchführung. In relativ kurzer Zeit werden Bedürfnisse erhoben, anschliessend auf das wirklich notwendige reduziert und von der Gemeinde ein Kredit von 11.95 Mio CHF bewilligt. Anspruchsvoll war zu diesem Zeitpunkt, dass in kurzer Zeit beim Kanton an die 67 Baubewilligungen eingehen mussten – und dass die Zeit, in der in einer Höhe von bis zu 2‘870 Metern über Meer gebaut werden kann, sehr beschränkt ist. 2013 wurden im Gebiet Teile der Erschliessung und der Werkleitungen wie Wasser, Kanalisation, Strom und Kommunikation erneuert, 2014 wurden Pistenkorrekturen und Skitunnels gebaut und 2015 war Baubeginn für die Infrastruktur.

Lüscher hat sich von Anfang an für drei Grundsätze entschieden:

  1. Die permanenten Bauten sollen einen Mehrwert generieren und eine Nachnutzung soll sichergestellt werden können
  2. Die temporären Bauten sollen ausschliesslich dem Anlass selbst dienen und nachher wieder zurück gebaut werden.
  3. Es sollen keine Bauruinen übrig bleiben.

Als gelernter Förster war für ihn zudem klar, dass was immer möglich aus einheimischem Holz gebaut wird. Und zwar auch Bauten, bei denen früher herkömmliche Metallgerüste verwendet wurden. Die Gemeinden im Bündnerland haben wo nötig ausgeholfen. Ziel wäre es, dass dieser Support nach dem Rückbau mit einem Packen Holz verdankt wird, mit dem sich eine sogenannte „WM-Brücke“ bauen lässt. Einerseits kann dadurch eine Verbindung lokal wie auch regional geschaffen und andererseits auch die Idee der Nachhaltigkeit gelebt werden.

 

Zwischenhalt: Gifthüttli

Unsere Fahrt endet beim sogenannten Gifthüttli. Seinen Namen hat dieses, weil darin die zwar nicht giftgrüne, aber knallblaue Farbe für die Pistenmarkierung gemischt und gelagert wird. Das relativ bescheidene Hüttli ist ein Überbleibsel eines längst abgebrochenen Skiliftes der noch aus der Zeit der Ski WM 1974 stammte und konnte für die WM 2017 erneuert und leicht vergrössert werden. Es soll denn auch einen Mehrwert bieten und ein Andenken an die WM 2017 sein – so wie der Herrenstart das Andenken an die Ski-WM 2003 ist. Lüscher begrüsst seine Mitarbeitenden. Keiner hat lange Zeit zu plaudern. Der Druck der Schneekanonen, die am 14. Oktober eingesetzt werden, ist spürbar. Jeder Tag zählt. Oberhalb des Startbereich unmittelbar unter dem Gipfelgrat des Piz Nair Pitschen sind vier Forstwarte an der Arbeit. Sie sind es gewohnt, im Gebirge zu arbeiten und verankern Lawinenverbauungen oberhalb der Startbereiche der Damen und Herren. Ab Ende September erhält das Forstamt noch zusätzlichen Manpower von der Armee. 15 Soldaten stehen diesem dann für den finalen Endspurt am Berg zur Verfügung.

Wir lassen die Profis arbeiten und fahren Richtung Tal. „Sehen Sie diesen Stall dort unten“, fragt Lüscher. Mein Blick fällt auf einen modernen Stall aus hellem Lärchenholz, der aber weder Vieh noch Heu beherbergt. „Bereits 2003 mussten in regelmässigen Abständen sogenannte Kommunikationsknotenpunkte-Hub‘s - platziert werden“, erklärt Lüscher. Diese geben unter anderem die Zeitmessung weiter und wurden 2003 in relativ schmucklosen Baucontainern auf die Weiden gestellt. Nach dem Motto „verstecken, integrieren oder verschwinden lassen“ hat Lüscher mit diesem Stall hier eine zwar sichtbare aber gut in die Umgebung integrierte Lösung gefunden.

Und vom Stall kommen wir auf die Bauern. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihnen? „Wir arbeiten hervorragend zusammen“, sagt Lüscher. Ein Vorteil sei sicher, dass das von der Ski-WM 2017 betroffene Land der Gemeinde gehöre. Aber es werde auch jährlich ein Drohnenbild des von den Bauern bewirtschafteten Landes gemacht und an das Landwirtschaftliche Bildungs- und Beratungszentrum des Kantons Graubünden, den Plantahof, geschickt, ergänzt Lüscher. Dort beurteilen Sachverständige allfällige Schäden und setzte die Höhe der Entschädigung an die Bauern fest, die die Gemeinde und der WM Verein anschliessend anstandslos begleicht.

Ziel: Nachhaltigkeit

Ein letztes Mal steigen wir im Zielgelände aus dem Subaru. Hier stehen die temporären Bauten: die Tribüne für das VIP-Zelt und die Kommentatorentribüne. Wir schauen uns die Letztere näher an. Die Holztribüne wird im Februar 2017 100 Container für rund 600 Mitarbeitende tragen. Rund 400 m3 Rundholz haben Lüscher und seine Crew hier für das Fundament verbaut. Weitere 1‘200 m3 Schnittholz bilden Boden und Geländer. Und à propos Nachhaltigkeit: Aus dem Schnittholz wird ein bereits bestehendes Pfadiheim im sogenannten Hofstattrecht* neu nachgebaut, Lager und Unterstände errichtet. Aus dem Rest könnten Holz-Pakete für die WM-Brücken geschnürt, die die holzliefernden Gemeinden als Dank erhalten. Und die Rundhölzer? „Diese wandern gehäckselt in die Schnitzelheizung“, sagt Lüscher – und so schliesst sich der Kreis.

Auf meine abschliessende Frage, was ihm an diesem Bauprojekt am meisten Freude bereite sagt er schlicht und einfach: „Da stimmt alles“ und doppelt grinsend nach: „Und wer kann schon von sich behaupten, er haben für eine WM gebaut?“

 

 

 


 

 *Das Hofstattrecht (auch Wiederaufbaurecht genannt) bezeichnet in der Schweiz das Recht, ein zerstörtes oder abgebrochenes Gebäude im bisherigen Umfang wiederherzustellen.

Text und Fotos: Flurina Schenk


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