Von Maurerkellen und Plastik-Spritzen


Mauern vereint: Franco Natuzzi und Patrick Gadient

Auf Hohen Rätien, einer Burganlage im Bündnerland, hat die Besitzerfamilie vor rund 15 Jahren eine sensationelle Entdeckung gemacht: Eine frühmittelalterliche Taufkapelle mit einem gemauerten Taufbecken für Erwachsene. Nun wird aufgebaut und restauriert. Und das sind zwei verschiedene Welten.

Die Herbstblätter rascheln im Wind. Beim Aufstieg auf die Burganlage Hohen Rätien im Domleschg ist es noch schattig, aber je höher wir kommen, desto näher ist auch die Sonne. Wir entdecken eine Informations-Tafel und lesen vom tyrannischen Ritter Cuno, der sich aus Liebeskummer über die steilen Felsen von Hohen Rätien ins Tal gestürzt haben soll. Heute liegen die Aberdeen-Rinder auf der Weide – alle an der äussersten Ecke des Felssporns. Vielleicht genau dort, wo sich einst Ritter Cuno 250 Meter ins Tal gestürzt hat.

Zwei gegensätzliche Bauarbeiter

Als nächstes fällt eine kleinere Baustelle ins Auge. Sie macht neugierig. Es ist Mittag und deshalb Ruhe. In der Baubaracke essen zwei Bauarbeiter, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einer klein und dunkelhaarig, der andere gross und blond. Der eine ein erfahrener Maurer und Pflästerer, Italiener. Der andere Lernender und Bündner. Der eine spricht Italienisch, der andere spricht am liebsten möglichst wenig. Es sind Franco Natuzzi und Patrick Gadient, Mitarbeiter der Caviezel Bauunternehmung in Tomils. Die beiden fackeln nicht lange, treten aus dem Container an die Sonne und zeigen mir, was sie hier tun.

Eine der ältesten Baustellen der Schweiz

Seit 2014 ist Franco hier auf der Baustelle am Werk, auf einer Baustelle, auf der die Arbeiten vor vielen Tausenden Jahren begonnen haben. Anfang 5. Jahrhundert nach Christus haben hier frühe Christen eine Kirchenanlage gebaut. Das haben die Archäologen des Kantons Graubünden aufgrund gefundener Münzen bestimmen können. Im 6. Jahrhundert nach Christus folgten verschiedene Erweiterungsbauten. „Am Anfang sah ich hier nichts als Steinhaufen“, sagt Franco Natuzzi. Heute blickt er über eine ganze Anzahl Mauern, die er in traditioneller Handarbeit wieder aufgebaut hat. Mit der Maurerkelle zeigt er, wie er die Steine – einem Puzzle gleich – zusammenfügt. Patrick Gadient schaufelt Sand in den Handbetonmischer und sorgt für Nachschub. Ich schaue dem Team eine Weile zu. Fast meditativ wirkt die Arbeit der beiden. Sie arbeiten Hand in Hand.

Ein gut gehüteter Schatz

Franco unterbricht seine Arbeit und fragt mich, ob er mir noch etwas anderes zeigen solle. Ich bin gespannt. Mir ist aufgefallen, dass es ein paar Schritte weiter oben eine mit einem Dach geschützte weitere Baustelle hat, abgeschlossen mit einem Gittertor. Franco öffnet und zeigt mir, wohin ich stehen darf. Er erklärt mir, dass dies einst eine Taufkappelle war, in der im Jahr 2001 das bis heute einzige Erwachsenen-Taufbecken nördlich der Alpen entdeckt wurde. Seine Ehrfurcht ist ansteckend. Das Becken ist achteckig und nicht in den Fels gehauen. Es wurde im 5. Jahrhundert mit rotem Ziegelmörtel und Steinbrocken gemauert. Was dem Besitzer von Hohen Rätien, Ruedi Jecklin, 1999 als Schutthügel erschien, hat sich als Schatzkammer entpuppt.

Wo sich Maurerkelle und Plastik-Spritze treffen

Die Mittagspause ist vorbei und zwei Damen betreten die Baustelle unter Dach. Es sind zwei Restauratorinnen, die nicht mit grobem Geschütz auffahren. Hier kommen kleine Plastik-Spritzen zum Einsatz und Ledan – ein mörtelähnlicher Klebstoff. Er hilft, die noch vorhandenen Stücke des Taufbeckens zu fixieren. „Restaurieren heisst erhalten“, sagt die eine der Restauratorinnen, nicht mehr und nicht weniger. Hier treffen Maurerkelle und Plastik-Spritze aufeinander. Zwei Welten vermutlich, aber zwei, die sich respektieren.

Weitere Informationen: www.hohenraetien.ch


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