08. Oktober 2018

Der babylonische Turm auf dem Julierpass

Das Postauto fährt durch die karge Hügellandschaft auf den Julierpass. Erst kurz vor der Passhöhe wird das Objekt unserer Baustelle des Monats im Oktober sichtbar: Ochsenblutrot steht der 30 Meter hohe Turm des Origen Festival Cultural in der grünen Berglandschaft auf 2'300 Metern über Meer. Kontrastierend sind hier nicht nur die Farben rot und grün, sondern auch Visionen und Bodenständiges. Kontraste mag der Holzbauer Enrico Uffer, Preisträger unseres Cadre d’Or 2017 in der Kategorie Holzbau. Zusammen mit seinem Projektleiter, Urs Hefti, stellt er uns eine ungewöhnliche Baustelle vor.

Es braucht einen Moment, bis man die Idee, die das Juliertheater Origen auf dem Julierpass verfolgt, erfasst. Und Uffer holt deshalb ein wenig aus. Der Origen-Intendant Giovanni Netzer ist ein Visionär und bringt Kunst und Kultur seit vielen Jahren in das kleine Dorf Riom im Bündnerland. Dabei geht es ihm immer darum, die Vorstellungen in die natürliche Kulisse einzufügen. Netzers Idee, eines temporären Theaterturms auf dem Julierpass, der an den babylonischen Turm erinnert, war für Uffer beeindruckend und zugleich herausfordernd. «Sieben Monate lagen zwischen Idee und Umsetzung», so Uffer. Das braucht Kreativität und Unternehmergeist.

Die Holzbauarbeiten

Die Uffer AG führte die Holzbauarbeiten als Generalunternehmung aus. Im Mai 2017 startete die zweimonatige Vorproduktion der Turmelemente in der Werkhalle in Savognin. Bestellt wurde das Material im April 2017, nur ein Monat vor der Produktion. Die 40 vorgefertigten Turmmodule sind zwischen 5,5 und 9,5 Tonnen schwer und zwischen 6 und 8 Meter lang. 900 Kubikmeter Fichte aus dem Alpenraum wurden dafür zu 120 Millimeter dicken Massiv Brettsperrholzplatten verarbeitet. Der Turm besteht aus insgesamt 900 Holzteilen. Die Montage für das Erstellen des Rohbaus wurde in drei Wochen umgesetzt.  Am 31.7.2017 feierte das Juliertheater Premiere – mit einem prominenten Besucher. Bundesrat Berset nahm teil und war von Idee und Bauwerk beeindruckt. So beeindruckt, dass er im Spätsommer 2018 hier ausländische Staatschefs empfangen hat. Deshalb wurde nach den Sommeraufführungen eine letzte und finale Ausbauphase realisiert.

Zurück zur rohen Fassade im inneren des Theaters. Uffer stellt klar: «Eigentlich ist das Theater ein Rohbau.» Dies ist vor allem deshalb gegeben, weil das Bauwerk nur temporär auf dem Julierpass steht. Voraussichtlich nach vier Betriebsjahren wird es rückgebaut.

Die Konstruktion

Der Grundriss ist sternförmig. An den zehn Ecken des Sterns sind zehn Türme platziert. Das Fundament ist in Massivbauweise ausgebildet. Die Betonplatte ist aussen bis zu 50 Zentimeter, in der Mitte rund 20 Zentimeter dick. Rund 60 Injektionsanker mit einer Länge von 8 – 10 Metern sichern den Turm. Darüber erhebt sich die Holzkonstruktion. Die Türme sind die tragenden Elemente der Konstruktion. In vier Türmen befinden sich Treppen, die den Zugang zu den Geschossen gewährleisten. Verbunden werden sie über Balkone, die gleichzeitig Raum für die Sitzplätze und Logen für die Theaterbesucher bilden. Aus Brandschutzgründen sind im gesamten Turm maximal 300 Personen zugelassen. Die statischen Verschraubungen zwischen den 10 Turmteilen über die Fensterbrüstungen. Rund 50'000 Schrauben und Stabdübel sichern die Verbindung der insgesamt 900 Einzelelemente aus Holz. So hält der Turm Windböen von bis zu 250 Stundenkilometern Stand.

Der Transport

Eine grosse Herausforderung war gemäss Urs Hefti, Holzbau-Polier und Projektleiter bei der Uffer AG und zuständig für den Bau des Juliertheaters, der Transport der vorgefertigten Turm-Elemente. Der Weg führt durch kleine Bergdörfer, wie Bivio und Mulegns, die extrem enge Strassenpassagen haben. «Die engste Stelle ist kaum mehr als 4.30 Meter breit», sagt Hefti. Die 8 Meter langen und 9.5 Tonnen schweren Elemente durften deshalb keinen grösseren Durchmesser als 4,20 Meter aufweisen. Tagsüber wurde auf der Passhöhe gebaut, in der Nacht jeweils transportiert. Für den Material Transport wurden 70 Sattelschlepper eingesetzt, die einen äusserst genauen Lieferplan einhalten mussten

Die Sicherheit

Das grösste Anliegen und zudem auch die grösste Herausforderung war für Hefti die Sicherheit auf der Baustelle. Grundsätzlich erlaubt die SUVA keine gerüstlose Baustelle. Da sind auch «geht zu lang» und «kostet zu viel» keine Argumente. Da ein Gerüst bei diesem Projekt aber schlicht undenkbar war, hat Hefti mit der SUVA Kontakt aufgenommen und diese mit einer Art «Diplomarbeit» dokumentiert, welches Sicherheitskonzept für dieses einmalige Gebäude sinnvoll wäre. Es brauchte Überzeugungsarbeit, aber die SUVA hat das Konzept genehmigt. Für die Montage wurden Spinnen- und Hebebühnen eingesetzt für den «Innenausbau» Netze und Klettergurte. «Dass hier nur Mitarbeiter mit sehr grosser Erfahrung eingesetzt wurden, die das Arbeiten in der Höhe gewohnt sind, ist klar», sagt Hefti. In der Montagephase waren denn auch weder Lehrlinge noch temporär angestellte Mitarbeitende vor Ort. Das Fazit von Hefti in Bezug auf die Sicherheit: «Es war viel Vorarbeit nötig, aber schlussendlich war es eine gute Sache für alle.»

Die Herausforderung

Und wie ist die Zusammenarbeit mit einem Visionär, wie Giovanni Netzer einer ist? Für Hefti kein Problem. Klar sei die Sicht eines Künstlers eine ganz andere, als diejenige eines Baumenschen. «Aber auch mir ist die Ästhetik wichtig», sagt Hefti. Man glaubt ihm sofort, wenn er fast liebevoll über eine der roten Wände streicht. Und zudem schweisse ein solches Projekt zusammen. Und es gebe noch andere Herausforderungen, als Visionen von Künstlern: «Anfangs Juli 2017 mussten wir hier Schnee räumen…».

Die Freude

Freude macht ihm, dass es tatsächlich möglich war, eine Vision umzusetzen. Das braucht Leidenschaft von allen. Auch das grosse Interesse der Öffentlichkeit und der Medien macht ihm Freude. Aber man spürt, welche Verantwortung Hefti getragen hat, wenn er zum Abschluss sagt: «Aber das Wichtigste ist, dass kein Unfall passiert ist».

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