Baukader setzte sich zum Ziel, die Baustellenreportage über das komplexe Bauprojekt «Erweiterung der Autohalle Casino» einschliesslich Neugestaltung des Casinoplatzes aus Sicht des Projektleitleiters der ARGE TU Casinoparking, Martin Roth, Geschäftsführer Neubau der Ramseier Bauunternehmung AG, im Baufortschritt anzugehen. Das führte zu einem faszinierenden Exklusivinterview mit einem eloquenten, unkomplizierten, sympathischen, sozusagen vom Bauen angefressenen hochkarätigen Bauprofi.
Die Erweiterung des Casinoparkings Bern in vollem unterirdischen Ausbau
Seit der Intensivbauphase im Sommer 2003, als während sieben Wochen die Fahrleitungen und das Tramgeleise demontiert, der Tramtrog aufgebrochen, der Casinoplatz als Baugrube auf eine Tiefe von 5.50 m ausgehoben, die 45 vorfabrizierten Betonelemente mit einer Gesamtlänge von 17.50 m und einem Gewicht von 24 Tonnen herantransportiert wurden, ist es in den Medienberichterstattungen zum insgesamt 27-Millionen-Projekt sehr ruhig geworden.  Die Betonelemente wurden mit logistischer Meisterleistung durch die Altstadt Bern transportiert und mit einem 300 to Pneukran auf die winkelförmigen Auflager gesetzt. Dann konnte der Überbeton und Tramtrog eingebracht werden, so dass die Verkehrssperrung wieder aufgehoben werden konnte. Doch zur Zeit wird, sozusagen von der Öffentlichkeit unbemerkt, das Parking von oben nach unten während 13 Monaten in ausgesprochen interessanter Bauweise realisiert. Baukader ist vor Ort und berichtet aus der Sicht des Projektleiters Martin Roth dipl. Baumeister von der ARGE TU Casinoparking.

Die Vorgeschichte des Projektstarts

 

1997 stimmte die Berner Stimmbevölkerung dem sogenannten Verkehrskompromiss zu, der beinhaltete, dass oberirdische Parkplätze aufgehoben und in die erweiterten Parkinghäuser verlegt werden. Die Baubewilligung durch das Bauinspektorat, für das Erweiterungsprojekt der Kasinoparking AG mit 250 Parkplätzen, erfolgte im Jahr 2000.

Die Baubewilligung stimmte der Sperrung des Casinoplatzes während maximal sieben Wochen des öffentlichen Verkehrs zu. Dies drängte das gewählte Bauverfahren «Deckelbau» geradezu auf, das die Auflagen sowie die Verkehrsführungen am besten sicherstellte. Dabei ist zu berücksichtigen, das über den Casinoplatz ausser dem Individualverkehr, zwei Tramlinien, mehrere Buslinien und die RBS – Linie (Blaues Bähnli) verkehren. Dies ergibt pro Tag 1197 Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln über den Casinoplatz.

 

Nicht realisierbare 1. Submission, Ausschreibung einer TU und neue Baulösung

 

Als im Frühling 2001 die Submission für das Bauvorhaben erfolgte, stellte sich heraus, dass das Projekt im Hinblick auf die zu hohen Baukosten gar nicht realisierbar ist. «Da wurde augenblicklich die Notbremse gezogen.»

Nach einer kurzen Bedenkpause beschlossen die Stadt Bern und die Autohalle Kasinoparking AG gemeinsam, das Projekt als TU-Wettbewerb auszuschreiben und so Ideen und optimierte Bauabläufe zu erhalten.

«Innerhalb von vier Wochen, also in extrem kurzer Zeit, musste diese Eingabe erarbeitet werden.» Als Unterlagen zur Neubearbeitung standen lediglich die Submissionsunterlagen aus dem Jahr 2001 zur Verfügung, also das alte Gedankengut der damaligen Baulösung.

Die bisherige nicht realisierbare Baulösung sah vor, den Aushub mit Förderbändern über den Aarehang hinunter in die Matte zu transportieren. Das hätte eine sehr lange Bauzeit zur Folge gehabt, «denn bis der Aushub pro Stockwerk erstellt gewesen wäre, hätten die Folgearbeiten wie Schalung- oder Betonierarbeiten nicht begonnen werden können. Bei nur einem Zugang zur Baustelle, war es unmöglich, optimierende Überlappungen und die Ablaufplanung zu erstellen», folgert Martin Roth.

 

Optimierungen, Hektik, Bildung TU und  Bauabläufe in Perfektion

 

Als die TU Submissionphase lief, war für Martin Roth vordringliche Frage, welche Planer zum Team hinzugezogen werden. Klar war, dass die Bauunternehmung Bürgi AG in die ARGE integriert wird, fussend auf eingespielter ARGE-Erfahrung und Zusammenarbeit. «Notwendig erachtete ich einen kompetenten, erfahrenen Verkehrsingenieur. Für die gesamten Verkehrsabläufe, welche mehrmals je nach Bauzustand änderten, mussten die Schleppkurven ausreichend sein und die Breiten und die Radien für Busse abgestimmt sein.» Zudem erforderlich war ebenso ein erfahrener Bauingenieur, welcher auch für speziellere Baumethoden und kreative Baulösungen zu begeistern war. Insbesondere die ganze Baugruben-umschliessung wollten  wir optimieren und erhofften uns, dass ein grosses Spar- und Optimierungspotenzial vorhanden sei. Mit grosser Bestimmtheit konnten wir jedoch Erdanker ausschliessen, stehen doch die best. Gebäude mit bis zu vier Untergeschosse zu Nahe am möglichen Baugrubenabschluss.

 

Intensivste Planungsphase

 

In nur vier Wochen prüfte Martin Roth zusammen mit den Ingenieuren futuristische Ideen, wie z. B. Schlitzwände untertags erstellt oder das Tram auf eine Hilfsbrücke zu setzen und quer über den Platz zu führen und teilweise Baumaschinen einzusetzen, welche es in der Schweiz gar nicht gibt. Dann kam die Idee, mit zwei Öffnungen im Casinoplatz den  Vertikaltransport zu realisieren. Dazu war jedoch notwendig, dass in der obersten Decke drei Deckenelemente ausgespart werden konnten. «Damit können wir von beiden Seiten in Angriff 1 und 2 und in perfektem Bauablauf operieren. Wenn wir an einer Seite betonieren, erfolgt gleichzeitig auf der anderen Seite der Aushub. Dies ergibt für die Bauherrschaft eine kürzere Bauzeit und die einzelnen Arbeiten können in einem Takt aufeinander abgestimmt werden.»

Martin Roth als absolut begeisterter und ebenso begeisternder Bauprofi leitete die gesamte Koordination in der Angebotsphase, Planung der Zeitachse, die Zeitplanung, was muss wann entschieden sein und die gesamte Angebotsberechnung. Ebenso mussten die Risiken der TU in einer Analyse abgeklärt und bewertet werden (Überraschungen trotz geologischem Gutachten, Archäologie, Übergang zum best. Parking, Anschluss ans best. Lehnenviadukt, Verkehrsabläufe... )

Ein schwergewichtiges Eingabe-Dossier mit minutiösen Planungen (Planungen in Stundenabläufen!) Martin Roth gesteht auf meine Frage, dass er in dieser Phase nicht ganz so ruhig geschlafen habe wie üblicherweise. «Ein Parkplatz der 293 neuen Plätze in der Erweiterung rechnet sich erst, wenn er unter 100’00 Franken liegt», also eine echte kalkulatorische Herausforderung bei einem Rohbauvolumen von 19 Millionen. Diese Zielvorgabe konnte nur erreicht werden, wenn Baumethode, Bauabläufe und die Mittel abgestimmt und koordiniert werden.

Die Projekteingabe erfolgte am 30. November 2002.

 

Transparenz und umfassende Koordination

 

Der Kostenteiler für den Gleisbereich auf dem Theater- und Casinoplatz übernimmt BERNMOBIL, Baukosten für die Neugestaltung vom Casinoplatz trägt das Tiefbauamt und die Kasinoparking AG. Die Einstellhallenerweiterung wird alleine von der Autohalle Kasinoparking AG getragen. Die Baukostenverteilung wurde in der Eingabe sehr transparent ausgewiesen.

 

Schon in der Angebotsberechung mussten die ersten Vorabklärungen beim Strassenverkehrsamt, Bauinspektorat und Tiefbauamt geführt werden. Die gesamte Transportlogistik durch die engen Altstadtgassen, Planung der Verkehrsabläufe und die einzelnen Nutzlasten der Brücken und Strassen mussten durch die verschiedenen Aemter zugesichert werden.

 

Zuschlag, Baustart und Intensivbauphase

 

Eine zusätzliche Optimierung konnte noch erzielt werden, in dem die ge-planten Unterzugdecken durch Flachdecken ersetzt wurden. Damit konnte in der gleichen Gesamthöhe ein zusätzliches 6. Untergeschoss erstellt werden. Die erforderliche Parkplatzzahl, für ein optimales Kosten-Nutzen-Verhältnis, konnte damit auch gleichzeitig erreicht werden. Unter Berücksichtung der Parkhausnormen wurden die Geschosshöhen im Erweiterungsbau auf 2,5 m Durchfahrtshöhe beschränkt.

 

Und dann gings los. BAUKADER berichtete bereits in Nr. Nr.1/2003 über den Baustart mit den intensiven Bohrpfahlarbeiten durch die Batigroup. Grosses Zuschauer- und Medieninteresse herrschte in der Intensivphase: Nacht 4./5. Juli - 9. August 2003 mit Abbruch Geleise und Fahrleitung (siehe Bild), Bohrpfähle im Geleisebereich, Aushub erstes Untergeschoss, Einbau der vorfabrizierten Deckenelemente und Ueberbeton mit Abdichtung, Neubau Gleistrog Theaterplatz bis zur Kirchenfeldbrücke. Wenn diese Intensivbauphase zweifellos interessant und dramatisch war, ist die bautechnische Ausführung in den  Untergeschossen von ebensolchem Interesse.

 

Bauweise

 

Die Parkingdecken werden als Flachdecken mit einer Stärke von 35 cm auf die Aushubsohle eingebaut, so dass sie gleichzeitig die offene Pfahlwand stützen. Jeweils im Abstand von 7.5 m werden am Rand Deckenver-stärkungen erstellt und Randstützen unter die Deckenverstärkungen betoniert. In der Deckelbauweise entwickelt sich der Bau von oben nach unten. Dabei hat die TU eine spezielle Optimierung der Deckenschalung durch eine raffinierte Lösung entwickelt.

 

Davon und vielem Weiteren wird der Fortsetzungsartikel in Baukader 04/2004 berichten.

 

Text und Fotos: Andreas Moning

 

Weitere Infos: www.bern-altstadt.ch, www.bernmobil.chdownloads/casino/casino-intensivphase.pdf, www.bern-baut.ch (www.bern.ch unter Tiefbau diverse interessante downloads)








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