Die Swisscoy verfügt über einen der best ausgerüsteten Pionier-Züge KFOR. Der Schweizer Maschinenpark in der Schlucht von Kacanik ist beachtlich: Ein Fassi-20-Tonnen-Kran, ein 3,2-Tonnen-Bagger, zwei Kernbohrmaschinen, weiteres Bohrgerät, Betonfräsen, Benzinbohrhämmer, Kompressoren, ein Generator sowie Sicherheits- und Schutzmaterial.
Brückensprengung im Kosovo mit Schweizer Präzision
Pioniere der internationalen Friedenstruppe KFOR sprengten Anfang Mai eine 160 Meter lange Stahlbetonbrücke im Süd-Kosovo. Der Pionierzug des Schweizer Armee-Kontingents Swisscoy war an den anspruchsvollen Sprengvorbereitungen massgeblich beteiligt.
Die «Operation Shockwave» war eines der grössten Pionier-Projekte der letzten fünf Jahre im Kosovo. In der engen Schlucht bei Kacanik im Süden der Provinz sprengte ein Pionier-Team der Friedenstruppe KFOR mit Schweizer Beteiligung ein 160 Meter langes und 20 Meter hohes Viadukt über den Fluss Nerodimka. «Das Projekt war auch für Schweizer Verhältnisse spektakulär», erklärt Korporal Thomas Balmer. Er war Gruppenführer der sechs Schweizer Pioniere auf Platz. Die Stahlbetonbrücke hatte wegen ihres schlechten Zustands auf eine Traglast von 30 Tonnen zurückgestuft werden müssen. Das genügte den Anforderungen an die Hauptverkehrsachse zwischen Pristina und Skopje nicht mehr – sowohl in ziviler als auch in militärischer Hinsicht. Die KFOR übernahm deshalb die Sprengung der Brücke. Den Neubau werden zivile Unternehmen mit Geldern der EU in Angriff nehmen. Einstweilen wird der Verkehr über eine «Mabey & Johnson»-Behelfsbrücke geführt.  

Mehrwöchige Sprengvorbereitung mit 60 Pionieren aus sieben Nationen 

Für die mehrwöchigen Sprengvorbereitungen arbeiteten 60 Pioniere aus sieben Nationen zusammen. Sie mussten die Brücke abrüsten, die Sprenglöcher bohren und die Ladungen anbringen. Die Führung hatte eine multinationale Pionier-Kompanie unter deutschem Kommando. Zu den deutschen, italienischen, bulgarischen und argentinischen Soldaten waren noch Schweizer, Österreicher und Amerikaner hinzugezogen worden. «Der Einbezug vieler Nationen war wichtig, weil so das nötige Equipment für dieses anspruchsvolle Projekt zusammenkam», erklärt Bundeswehr-Hauptmann Manuel Nicolai, der die Arbeiten leitete. Da die Swisscoy über einen der best ausgerüsteten Pionier-Züge KFOR verfügt, war die Schweizer Beteiligung fast schon vorprogrammiert. «Ohne den Schweizer Beitrag wäre es schwierig geworden», anerkennt denn auch Nicolai. Tatsächlich war der Schweizer Maschinenpark in der Schlucht von Kacanik beachtlich: Ein Fassi-20-Tonnen-Kran, ein 3,2-Tonnen-Bagger, zwei Kernbohrmaschinen, weiteres Bohrgerät, Betonfräsen, Benzinbohrhämmer, Kompressoren, ein Generator sowie Sicherheits- und Schutzmaterial. Die Schweizer Ausrüstung diente nicht nur dem Eigenbedarf, sondern wurde teilweise auch den anderen Pionier-Gruppen zur Verfügung gestellt.

Berufsleute aus dem Bauhauptgewerbe statt Berufssoldaten

Neben der Ausrüstung war auch das Fachwissen der Schweizer Soldaten von grossem Wert für das Gelingen der «Operation Shockwave». Im Gegensatz zu den Berufssoldaten aus anderen Kontingenten handelt es sich bei den Schweizern um Berufsleute, die als ausgebildete Maurer, Maschinisten, Kranführer oder Zimmerleute einen breiten Fundus von handwerklichen und organisatorischen Fähigkeiten mitbringen. Das kam im Fall des Gruppenführers Thomas Balmer besonders zum Tragen: Er ist kurzerhand in die Rolle des Poliers für das über 60-köpfige multinationale Team geschlüpft. Dabei profitierte er von seinen internationalen Berufserfahrungen und von seinen Sprachkentnissen. Gerade dass er Spanisch spricht, erleichterten den Einbezug der argentinischen Pioniere ins Gesamtteam. 

Sprengladungen durch Präzisionsbohrungen über den Zugeisen 

Schweizer Knowhow im Baubereich war aber auch für die Arbeiten selber gefragt. Aufgabe der Swisscoy-Pioniere war unter anderem das Bohren der Sprenglöcher – eine Präzisionsarbeit. «Die Löcher mussten jeweils so gebohrt werden, dass genau über den Zugeisen eine Sprengladung angebracht werden konnte», erklärt Thomas Balmer. Dass die Zugeisen mehrlagig waren und die Pläne der Brücke nicht immer stimmten, machte die Arbeit nicht leichter. An den Seiten des Brückenkörpers brachten die Pioniere 60 Sprenglöcher von 72 mm Durchmesser und einer Tiefe von 42 cm an. Auf diese Weise wurden für die Sprengung neun Trennschnitte vorbereitet. Diese waren so konzipiert, dass keine grossen Trümmer in den Fluss fallen und ihn stauen konnten. Auch an den beiden Hauptpfeilern der Brücke bohrten die Schweizer Pioniere je ein 1,6 m tiefes Sprengloch, um die Fallrichtung zu bestimmen. „Gefragt war Präzision auf den Millimeter. Das haben wir auch geschafft“, erklärt Balmer mit Stolz auf sein Team. Die erfolgreiche Sprengung am 2. Mai gibt ihm recht. 

150 Kilogramm Sprengstoff 

Die Schweizer Gruppe war auch mit dem Entfernen der grossen Bodenplatten auf der Brücke beschäftigt. Nachdem der ursprüngliche Plan, die Platten mit dem Kran abzuheben, nicht durchführbar war, spitzten die Pioniere die Platten kurzerhand ab. Ziel war es, möglichst viel Material von der Brücke zu nehmen, damit weniger Trümmer bei der Sprengung in den Fluss stürzen. Ausserdem konnte so erreicht werden, dass die Trümmer nach der Sprengung bereits halbwegs bereit für den Abtransport waren. Durch die Abrüstung der Brücke konnte auch der benötigte Sprengstoff auf 150 Kilogramm reduziert werden. In der Planungsphase war noch ein vielfaches davon vorgesehen. Das machte die Sprengung in der engen Schlucht, wo infolge der Druckwelle Felsstürze befürchtet werden mussten, weniger gefährlich. Zudem konnte so die Gefahr für die unmittelbar neben dem Viadukt liegenden Eisenbahnbrücke verringert werden.

Arbeitssicherheit und logistische Sicherheitsbestimmungen

Auch die Sicherung der Arbeiter auf der entblössten Brücke war ein Schweizer Beitrag an die «Operation Shockwave». Hierzu hatte Korporal Balmer eigens ein Sicherungssystem mit Drahtseilen konstruiert, an dem die Pioniere angeseilt waren.

Dass sich die Arbeitsweise in der Schlucht von Kacanik von derjenigen auf einer zivilen Baustelle unterschied, daraus macht Balmer keinen Hehl. Die Abläufe in einem militärischen Auslandeinsatz sind gezwungenermassen weniger flexibel als im zivilen Bereich. «Jede einzelne Fahrt muss gemäss den Sicherheitsbestimmungen zuerst bewilligt werden», gibt Balmer ein Beispiel. Ausserdem erschwerte die multinationale Zusammensetzung der Mannschaft und die Rücksichtnahme auf die nationale Befehlsgebung die Koordination. Dennoch beurteilt Thomas Balmer seine Erfahrungen in der «Operation Shockwave» als wertvoll: «Auf der Baustelle hatten wir untereinander ein erstklassiges Verhältnis. Jeder hat vom anderen profitiert.»

Text und Fotos: Christof Widmer, stellvertretender Medienoffizier Swisscoy  






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