Früher wurden Dämme einfach ins Tal hineingestellt. Heute wird aus Gründen des Landschafts- und Naturschutzes die Dammflanke abgerundet und nicht zu steil konstruiert. Dies ermöglicht eine gute Einbindung und das Überprofil kann wieder angepflanzt werden.
Rückhaltebecken – ein wirksamer Hochwasserschutz
Nr. 09 2005: Starke Regenfälle können, wenn der Boden schon vorher viel Wasser aufgenommen hat, grosse Überschwemmungen verursachen, die Schäden in Millionenhöhe bewirken. In allen Kantonen werden laufend Flüsse und Bäche verbaut und den Bedürfnissen von Mensch und Natur angepasst. Im „Wasserkanton“ Zürich haben Massnahmen zum Hochwasserschutz Tradition. In den letzten 25 Jahren sind unter anderem viele Rückhaltebecken ausgeführt worden.
Beim Hochwasserschutz geht es um mehr als um den Schutz vor örtlichen Überschwemmungen. Wie das Beispiel Zürich zeigt, war in diesem Kanton die wirtschaftliche Entwicklung nur möglich, weil seit Jahrhunderten grosse Anstrengungen unternommen wurden, die Hochwassergefahr mit Schutzbauten zu verhindern oder einzudämmen. Man denke etwa an die grossen Korrektionswerke Linth/ Limmat, Sihl, Glatt, Töss und Thur. Sie sind Zeugnisse dieser Arbeiten und haben dazu beigetragen, dass der Kanton Zürich vor grossen Katastrophen verschont geblieben ist.

Heute mehr Siedlungen betroffen  

Fluss- und Bachkorrektionen wurden anfänglich vorgenommen, um Kulturland zu gewinnen. Betroffen vom Hochwasser waren meist Landwirtschaftsbetriebe. Diese Situation hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert: Viele Äcker und grüne Wiesen sind überbaut worden. Deshalb ist das Schadenpotenzial teilweise um das Hundertfache gestiegen. Standen einst nur einige Scheunen unter Wasser, sind es heute Keller und Tiefgaragen ganzer Siedlungen. Schon kleinere Überschwemmungen können deshalb grosse Schäden anrichten. Man braucht nicht mehr erst auf das Jahrhunderthochwasser zu warten. Deshalb hat der Kanton Zürich in den letzten 25 Jahren pro Jahr zwischen fünf und zehn Millionen Franken in die staatlichen Hochwasserschutzbauten investiert.

Kosten und Nutzen abwägen  

Die Wasserbauer werden oft kritisiert, weil ihre Vorgabe das Jahrhundertwasser ist. Das fragen sich viele Bürger: Lohnt es sich denn dafür Millionen von Franken auszugeben? Heinz Hochstrasser, Projektleiter in der Sektion Bau in der Abteilung Wasserbau des Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) im Kanton Zürich, sagt dazu: «Das ist immer ein Abwägen, meist ist es aber so: vergleicht man die Schäden mit den Baukosten, lohnt es sich.»

Versiegelung des Bodens ist keine massgebliche Verschärfung  

Es wird auch immer wieder behauptet, die grossen Wassermengen in Bächen und Flüssen seien der Versieglung des Bodens zu verdanken. Dazu sagt Hochstrasser: «Es fliesst zwar mehr Wasser zu, wenn mehr Flächen versiegelt sind. Aber wenn man das in einem Gesamtzusammenhang sieht, macht diese Versiegelung nur einen kleinen Anteil des Hochwassers aus.» Die Hochwasser, die immer wieder kommen, seien zwar etwas höher geworden. «Ganz seltene Hochwasser werden aber durch die Versieglung nicht stark beeinträchtigt.»

Zahlreiche Massnahmen möglich  

Es gibt viele Möglichkeiten, das Hochwasser in Schranken zu halten. Das Gerinne wird ausgebaut, ein Zweites angeordnet oder ein Entlastungskanal erstellt. Besonders wirksam sind Rückhaltebecken, wie sie heute praktisch in allen Kantonen gebaut werden. Sie brechen die Wasserspitzen, die oft nur wenige Stunden dauern. Der Aufwand ist allerdings gross und kostet viel Geld. Deshalb fragen Stimmbürger immer wieder: «Ist das überhaupt notwendig?» Wie das Beispiel Affoltern a. A zeigt, hat jedes Projekt meist eine lange Vorgeschichte. In Affoltern a. A. war der Druck, etwas zu unternehmen, gross, denn seit 1983 entstanden Schäden von mindestens 11.4 Millionen Franken. Darin nicht inbegriffen sind die im Siedlungs- und Landwirtschaftsgebiet durch die Versicherungen nicht gedeckten Schäden.

Schutz des Ortsbildes  

In Affoltern a. Albis ist es kein reissender Fluss, sondern sind es eher kleinere Bäche, die bei Hochwasser grosse Schäden verursachen können. Schon nach den Überschwemmungen von 1973 ergriff die Gemeinde die Initiative und erstellte in eigener Regie, aber in Absprache mit dem Kanton, ein Vorprojekt, um diese Schäden zu verhindern. Vorgesehen war ein durchgehender Bachausbau mit mehreren kleinen Rückhaltebecken. Ein durchgehender Bachausbau fand aber bei der Bevölkerung keine Zustimmung und die vorgeschlagenen, kleineren Rückhaltebecken waren zu wenig wirkungsvoll.

 «Ein grösserer Bachausbau – ein viermal grösseres Bachbett – hätte das Bild von Affoltern zu stark verändert», meint Hochstrasser. Es wurden deshalb neue Varianten vorgeschlagen, doch auch diese führten nicht zum Ziel. Erst die Hochwasser 1994 und 1999 brachten das Fass zum Überlaufen und die Dringlichkeit einer Verbauung stand nicht mehr zur Diskussion. Beschlossen wurde der Bau eines Rückhaltebeckens.

Zur Situation: Der Jonenbach in Affoltern a. A entwässert oberhalb der Gemeinde ein Einzugsgebiet von 20,8 km2. Das Hochwasserrückhaltebecken mit einem Volumen von etwa 400 000 m3 Inhalt vermag eine im Mittel alle 100 Jahre auftretende Hochwasserspitze von bis zu 40 m3/s aufzufangen und auf 15 m3/s zu dämpfen. Diese Wassermenge kann durch das bestehende Gerinne des Jonenbachs bordvoll abgeleitet werden.

Damm nach geotechnischen Vorgaben  

Der Rückhalteraum wird mit einem 16,5 m hohen Damm geschaffen, der am oberen Ende des Siedlungsgebiets, eingangs des Jonentals errichtet wird. Das Tal ist am Dammstandort eng, so dass mit verhältnismässig wenig Schüttvolumen der erforderliche Damm errichtet werden kann. Das Schüttungsmaterial soll möglichst aus den zukünftigen nahen N4-Baustellen gewonnen werden.

Die Dimensionierung des Dammes erfolgt nach geotechnischen Gesichtspunkten. Ein Kernquerschnitt wird mit besserem Material ausgeführt, der Rest mit gut verdichtbarem Moränenmaterial. Damit eine Durchsickerung unterbunden werden kann, ist eine gute Fundierung erforderlich. Die Dammböschungen werden in einem Verhältnis 1 zu 3 errichtet, sie werden flacher als sie eigentlich von der Geotechnik her benötigt würden. «Ein flacher Damm lässt sich immer besser im Gelände einpassen und wirkt ästhetischer», meint der Fachmann.

«Früher hat man den Damm einfach ins Tal hineingestellt, heute achtet man darauf, dass die Dammflanke abgerundet und nicht zu steil wird.» Das ermöglicht eine gute Einbindung und das Überprofil kann wieder angepflanzt werden. So wirkt die ganze Dammkonstruktion weniger auffällig. Das ist heute auch eine Forderung des Landschaftschutzes.

Im Naturschutzgebiet  

In der Nähe von Affoltern, in Maschwanden, besuchten wir ein Rückhaltebecken, das schon vor einigen Jahren gebaut wurde. Dieses ist als solches fast nicht mehr zu erkennen. Der Damm ist völlig überwachsen mit einheimischen Kräutern, Gräsern und Pflanzen. Das eigentliche Rückhaltebacken befindet sich in einem Naturschutzgebiet, das eher noch durch diese Verbauung gewonnen hat. Bei extremem Hochwasser entsteht hier, oft nur für wenige Stunden ein kleiner See, der aber verhältnismässig schnell wieder abfliesst.
Zwei Fussballplätze im Rückhaltebecken  

Ein beachtliches Hochwasserschutzkonzept wurde für Marthalen erarbeitet. Sowohl für den Abist- als auch für den Mederbach ist ein Hochwasserrückhaltebecken vorgesehen. So bleibt das malerische Ortsbild des Weinbauerndorfes mit seinen prächtigen Riegelhäusern vor starken Eingriffen verschont. Im Dorf selber ist nur ein bescheidener Eingriffe notwendig.

Beim Abistbach wurde in den Jahren 2003 und 2004 das Hochwasserrückhaltebecken Fohloch realisiert. In dieses wurden zwei Fussballplätze integriert. Wobei allerdings der Trainings- und der Hauptplatz bei grösseren Hochwassern überflutet werden können. Die Plätze sind durch kleinere Dämme mit klar definierten Überfallsektionen vom restlichen Beckenraum abgetrennt. Untereinander sind die Plätze durch eine nicht überströmbare Betonmauer getrennt. Sämtliche Dämme und die Trennmauer sind im unteren Teil mit einem Kiesfilter mit Drainageröhre ausgerüstet. Die Fussballplätze sind ebenfalls drainiert. Bei der Projektierung musste vor allem darauf geachtet werden, dass es nicht via Drainagenleitungen zu einer ungewollten Bewässerung des einen oder andern Fussballplatzes kommt.

«Bei einem Hochwasserereignis mit Flutung der Plätze können diese mittels eines Schiebers rasch wieder entwässert werden, bevor der Rasen Schaden nimmt», schreibt der Kulturingenieur Matthias Oplatka, Leiter der Sektion Bau vom AWEL in seinem Baubericht. Die Fussballspieler nehmen hier in Kauf, dass ca. alle 10 Jahre der Trainingsplatz und zirka alle 20 Jahre der Hauptplatz total überflutet wird.

Text und Fotos: Roland Beck  








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