Ab der sanierten Schwanengasse über eine der neuen Tramendschlaufen am Rand des Bahnhofplatzes Bern fahren die Trams von Bern Mobil wieder in den Westen der Stadt.
Es geht voran mit der Umgestaltung des Berner Bahnhofplatzes (III)
Nr. 09 2007: Die tausenden von Passanten im Bereich der Grossbaustelle Bahnhofplatz sehen in den stets wieder sich verändernden Durchgängen fast täglich den Baufortschritt. Das Interesse am Baugeschehen ist allgemein gross. Selten erlebt die Öffentlichkeit komplexes Baugeschehen praktisch hautnah. Die zweite Intensivbauphase ist mit dem 4. August soweit abgeschlossen. Die Zeit der Ersatzbusse in den Westen ist vorbei. Während in der Spitalgasse, zwischen Hirschengraben und Bahnhof und in der neuen Bahnhofunterführung intensiv gebaut wird, sind die neuen Tramendschlaufen in den Bundes-, Schwanen- und Wallgasse und der Hirschengraben inklusive anschliessende Kreuzung Hirschengraben/Laupenstrasse mitsamt allen Werkleitungen, neuen Gleisanlagen und neuen Strassenkörpern abgeschlossen. Am 3. August galt es ernst: Es erfolgte die Bauabnahme mit Probefahrten. Alle Planungs- und Bauteams hatten herragende Arbeit geleistet.
Noch herrschte emsiges Treiben: Nach den intensiven Bautätigkeit der ARGE Bahnhofplatz unter dem Generalunternehmer WALO, der Bauteams von allen Werkleitungsbetreibern, Bauteams von Bern Mobil mit Gleis- und Fahrleitungsspezialisten, verkehren jetzt Meter für Meter für Meter Spezialmaschinen mit Sandstrahler, dann eine Universalmaschine mit Wasserstrahl-Hochdruckreiniger, die mit einigem Dröhnen gleichzeitig wischt, wäscht und aufsaugt. Damit werden die Laufrillen der neuen Geleise und die neuen Betonplatten von Baustoffresten befreit. Noch werden letzte Weichen minutiös justiert, letzte Fugen gedichtet, Randsteine gereinigt usw. Denn nach dem Mittag sind Probefahrten mit Tram angesagt. Alle entsprechenden Bauverantwortlichen vom Stadtingenieur, Projektleitern und Generalunternehmung sind gespannt vor Ort.

Kein Kreischen und Quietschen mehr  

Wie bereits am Casinoplatz angewandt, ist der Geleiseaufbau am Hirschengraben laut Bauingenieur und Bauchef Hansruedi Sollberger von Bern Mobil eine Entwicklung seines Verkehrsunternehmens. Die Geleisegeometrie wurde von Bern Mobil im Haus berechnet. Die Geleiseanlagen sind soweit eine erschütterungsfreie Konstruktion. Die Geleise sind millimeterweise auf einem Betonbett fixiert, das auf einer elastischen Dämmschicht liegt, welche die Erschütterungen der Trams aufnimmt und die Schwingungen auf angrenzende Liegenschaften verhindert. Bern Mobil hat das Basler Büro Trefzer Rosa und Partner GmbH als Spezialist für Akustik und Schwingungstechnik beauftragt, das so genannte Masse-Feder-System zu berechnen. Zudem sorgen vier neue elektrohydraulische Schmieraggregate mittels Sensoren für den Druckaustoss mit leicht abbaubarem Bio-Fett für reibungsloses Rollen.

Internationale Gleisanlage  

Zu glauben, Gleisebau sei heute Sissmade im Globalisierungszeitalter blauäugig. Die Weichen wurden in Luxemburg gefertigt, die Schienen in Deutschland, die Randsteine stammen aus Italien. Allerdings wurden sämtliche Schienenteile in den Werkstätten von Bern Mobil auf den Biegemaschinen millimetergenau auf ihren Einbau angepasst. Selbstredend sind natürlich die Asphaltprodukte keine Schweizerressource, obwohl das Mischgut in der Schweiz produziert wird, stammen es als Grundprodukt aus den erdölproduzierenden Ländern. Jedenfalls fahren die Trams 3, 5 und 9 wieder in den Westen der Stadt, jedoch noch nicht über den Bahnhofplatz durchgehend. Das dauert noch bis zum 9. Dezember 2007, wenn wieder durchgehender Tram- und Busbetrieb über den Bahnhofplatz verkehrt.

Tiefe Gräben für die Kanalisation und die Archäologie  

Die Strecke nach dem umgestalteten Hirschengraben Richtung Bahnhofplatz ist der Werkleitungsbau in vollem Bau. Zurzeit werden in erstaunlicher Tiefe neue Kanalisationsschächte betoniert und Kanalisationsröhren verlegt.

Im Rahmen der Umgestaltungsarbeiten des Bahnhofplatzes Bern stiess man auf die sehr gut erhaltenen Fundamente des mittelalterlichen Befestigungsturms neben der Heiligkeitkirche, also das inzwischen freigelegte Kellergeschoss des so genannten Dittlingerturms, worauf der Archäologische Dienst des Kantons Bern seine Arbeit aufnahm. Der Fund war die grosse Überraschung für die Archäologen. Sie wussten zwar von Gemälden den Standort des mittelalterlichen Turms, erbaut 1344. Die Überraschung war jedoch, dass der Turm unterkellert war. Ohne diese Unterkellerung durch die mittelalterlichen Baumeister wäre wohl nicht viel erhalten geblieben. Das interessierte denn auch die Öffentlichkeit in hohem Mass und schnell ging auch der Ruf, den sensationellen Fund der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der Dittlingerturm ist Teil der dritten Erweiterung der alten Stadt Bern  

Die ursprüngliche Stadt dehnte sich 1191 bis zum Zytgloggeturm. Im 13. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt bis zum zweiten Befestigungsgürtel mit dem Käfigturm. Die dritte Stadterweiterung realisierten die Patrizier bis zur Heiligkeitkirche mit der Befestigung einer weiteren Stadtmauer und einem breiten Graben sowie dem Stadttor (Christoffelturm) und dem 1344 erbauten Dittlingerturm, der 1456 umgebaut wurde und ab dem 16. Jahrhundert Gefängnis wurde, wo vor allem delinquente Prominente und von besserem Stand festgehalten wurden, was sie trotzdem teilweise nicht davor hütete, geköpft zu werden.

Die Sachzwänge oder 132 000 Volt der EWB  

Verschiedene Pläne zur Erhaltung und Zugangsmöglichkeiten zum Kellergeschoss des Dittlingerturms für die Öffentlichkeit wurden geprüft und wieder verworfen. So die Sichtbarmachung von oben durch eine in die Überdeckung eingelassene Panzerglasplatte (verworfen wegen hoher Ausrutschgefahr bei Nässe und nicht ausreichender Belastbarkeit durch Feuerwehr usw. Auch ein Durchgang durch die Christoffelunterführung würde der notwendige Verzicht auf zwei Geschäfte bedeuten und kommt offenbar  wegen dem dadurch bedingten Ausfall von Mietertrag für die Stadt nicht in Frage. Ausserdem würden die Sanierung des Kellergeschosses des Turms und der Unterhalt die Kosten sprengen. Allerdings scheint dies ein Klacks im Hinblick auf die Millionen, welche die Umgestaltung des Bahnhofplatzes verschluckt.

Zu all dem genau hier im Bereich der Fundamente wurde an einem Ende eine neue Trafostation für die neue und eine der wichtigsten 132 000 Volt-Leitungen der EWB gebaut, die Stadtteile und die Region versorgt, am anderen Ende wurde der unterirdische Zugang zum Kaufhaus Loeb gebaut. Demzufolge muss jetzt zwingend ein neuer Elektroschacht durch die Fundamente des Drittlingerturms gebaut werden, wodurch ein Teil des Fundaments zerstört wird. Zwar wird er jetzt um einen Meter tiefer gelegt und führt unter dem Fundament hindurch. Dennoch wird ein Teil zerstört wird, was zu heftigem Protest auch in der Berner Presse geführt hat

Dies sei der Kompromiss der Verhältnismässigkeit, so Archäologischer Dienst und Denkmalpflege. Denn die Arbeit der Archäologen hat die Bauarbeiten um vier Wochen verzögert, so dass die Bauleitung nun 130 Bauarbeiter zusätzlich einsetzt, um den Verzug im Bauplan wieder aufzuholen. Doch man scheut offensichtlich vor allem ausufernde Kosten und ausufernde Termine. Ob dies eine Beschädigung eines so alten Kulturerbes aus dem Mittelalter in der Uneso-Welterbe-Stadt Bern dies rechtfertigt, darüber gehen die Meinungen hart auseinander. Zurzeit ist geplant, die Fundamente des Dittlingerturms nach den Bauarbeiten mit Vlies abzudecken und wieder zuzuschütten.

Archäologische Funde verzögern nicht selten den Bauprozess  

Es ist eine Tatsache: Gar nicht so selten stösst ein Bauprojekt auf historisches Erbgut. Denn wo gebaut wird, wird meist auch in die Tiefe gebaut. Und nicht selten müssen dann Bauprojekte unterbrochen oder sogar angepasst werden. Im Fall des Dittlingerturms waren gemäss unserer Nachfrage sogar Baufachleute erstaunt, wie schlank hier eine Teilbeschädigung des sehr gut erhaltenen Zeugen des mittelalterlichen Bauens über die Bühne ging, da manchmal wegen ein paar mickrigen antiken Steinen weit intensivere Diskussionen über Rettungsmassnahmen mit längeren Baustopps üblich sind. Ob hier ein letzter Entscheid gefallen ist?

Die Bauarbeiten gehen nach Plan  

Die Bauprozesse dieses komplexen Projekts laufen erstaunlich perfekt nach Zeitplan und die Abschlussarbeiten einer Bauetappe erfolgen auf den Tag genau. Die Planung, die Bauleitung und die Bauteams verdienen unumwundenes Lob für ihre Leistungen. Das wiederum lässt auch die Generalunternehmung im Hinblick auf eine mögliche Konventionalstrafe wieder ruhig schlafen.

Ein verkehrsfreier Bahnhofplatz?  

Die grösste Überraschung der Planer ist seit der Totalsperre des Bahnhofplatzes, wo vorher täglich 25 000 Autos durchbrausten, dass auch in den Stosszeiten anderswo kaum die befürchteten Verkehrsstaus aufgetreten sind. Das hat gar zur Frage geführt, wo denn alle die Autos geblieben sind. Kein Wunder, dass nun auch lauter die Frage im Raum steht, den Bahnhofplatz für den Individualverkehr dauerhaft zu schliessen. Damit erhielte Bern direkt vor dem Bahnhof am Kopf der wichtigen Einkaufsgassen der Stadt eine ruhige Oase, wie es keine andere Schweizerstadt kennt. Der Stadtleist ist dagegen, weil er dadurch Einbussen im Geschäftsgang vermutet. Untersuchungen (Zürcher Bahnhofstrasse und Altstadt Luzern usw.) haben jedoch nachgewiesen: Je weniger stressgeplagt die Käufer, desto kauffreudiger sind sie. Das müsste neben etwas mehr Mut auch in Berner Köpfe eingeträufelt werden. Für Diskussionsstoff ist in Bern also gesorgt.

Ebenso gesorgt für interessante Bau-Einblicke ist die Grossbaustelle Bahnhofplatz Bern auch weiterhin, auch wenn die dramatischsten Bauetappen zum grösseren Teil bereits vollzogen sind. 
 
Text und Fotos: Andreas Moning

 









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