Das Projekt mit dem Totalunternehmermodell TU «Neugestaltung des Bahnhofplatzes Bern» fand den festlichen und erfolgreichen Abschluss der ersten Bauetappe.
Eine Lobenshymne für die Bauarbeiten am Bahnhofplatz Bern (IV)
Nr. 02 2008: Baukader dokumentiert die komplexen Bauarbeiten der Umgestaltung des Berner Bahnhofplatzes bereits in der vierten Folge. Ende Oktober war Baukader wieder auf der Baustelle und es war wiederum offensichtlich: Wie während der gesamten Projektdauer krampften die verschiedensten Bauteams unter enormem Zeitdruck auf Höchstleistung. Augenscheinlich wird dies auch durch die grossen aufgeblähten Dampflampen, welche die Baustellen in der dunklen Jahreszeit ausleuchten. Hochdruck herrscht insbesondere auch in der zeitweise für die Werkleitungen tief aufgebrochenen Spitalgasse, wo jetzt im Seitenbereich bereits die Pflästerer im Akkord schuften, während die Bauarbeiter den Durchlauf des Berner Stadtgrabens in der Spitalgasse justieren und das Seitenbankett des Tramtrogs setzen. Erst dann setzt der Gleisbau durch Bern Mobil ein und Im November wurde dann das riesige Hilfsgerüst über die Tramperronanlage gebaut, das einerseits den Bau des gläsernen Baldachins ermöglicht und zudem die Tram- und Buspassagiere ab dem 9. Dezember vor Regen schützt. Denn ab diesem Datum fährt nach sechs Monaten Bauzeit der öffentliche Verkehr von Bus und Tram erstmals wieder durchgehend über den Bahnhofplatz. Das war Anlass zu einem Volksfest am 9. Dezember.

Hans-Peter Wyss, Stadtingenieur Bern und Leiter Projektausschuss Bauherrengemeinschaft neuer Bahnhofplatz Bern legte an der Infra-Tagung am 16. Januar im KKL Luzern (siehe Bericht dazu in dieser Ausgabe) eloquent dar, dass sich in diesem verkehrsmässigen Nervenzentrum der Stadt mit bis zu 200 000 Pendlerinnen und Pendlern und 26 000 Autos und allen Bus- und Tramlinien für die Neugestaltung des Bahnhofplatzes nur eine konzentrierte Bauweise mit einer vollständiger Verkehrssperrung als sinnvoll erwies.

«Die logistische Herausforderung bestand darin, die Bauarbeiten in möglichst kurzer Zeit auszuführen, ohne dieses Nervenzentrum der Stadt Bern völlig lahm zu legen.» Eine logistische Herausforderung war aber auch, die Koordination der Bauprozesse so zu organisieren, dass die Pendlerströme an den Baustellen gefahrlos passieren können. Zudem zeigte sich schnell, dass bei diesem komplexen Projekt das Totalunternehmer-Modell bezüglich definierter Termine, Kosten und Qualität bei einem gesamten Bauvolumen von insgesamt rund 100 Millionen auch für alle peripheren Bauten und involvierten Baupartner (Bern Mobil, EWB, SBB usw.) die grössten Vorteile aufweisen würden.

Geeignete flankierende Massnahmen machten es möglich, den Verkehr temporär über andere Routen zu führen. Besondere Herausforderungen war bei diesem gewaltigen Bauprojekt die Kommunikation der Öffentlichkeit, aber auch bei Interessengruppen und Direktbetroffenen. Im Rahmen der TU-Submission und der Werkvertragsgestaltung müssten aber verschiedene Spielregeln für die Planungs- und Realisierungsphase definiert werden, die für die Bauherrschaft und die TU gelten. Das Fazit der Bauherrschaft zum TU-Modell ist denn auch in jeder Beziehung positiv, wenn auch noch einiges Optimierungspotenzial erkannt wurde.

 

Der Bahnhofplatz aus der Sicht der TU Walo Bertschinger

Luca Pifferi, Leiter TU Infrastruktur Walo Bertschinger AG und TU-Leiter ARGE TU neuer Bahnhofplatz Bern unterschied in seinem Referat im Rahmen der Infra-Tagung in Luzern die unterschiedlichen TU-Submissionen: TU-Submissionen ohne Spielraum, TU-Submissionen mit logistischem Spielraum und TU-Submissionen mit logistischem und technischem Spielraum. Der neue Bahnhofplatz Bern stelle im Bereich der TU-Infrastrukturprojekte eine schweizerische Premiere dar: Die ungewöhnlichen Baustellenabmessungen, die enorme Vielfalt an baulichen Arbeitsgattungen und die logistische Interaktion der Bauarbeiten mit dem öffentlichen Verkehr bzw. der Fussgängermassen stellten ausserordentliche Herausforderungen sowohl für Behörden, Bauherrschaft, Planer und den ausführenden Totalunternehmer (TU) dar.

Dem TU müsse genügend Zeit zugestanden werden, damit er die Bauherrenbedürfnisse analysieren und ein massgeschneidertes Angebot unter Berücksichtigung seiner eigenen Ideen und Erfahrungen ausarbeiten könne. Um technisch und wirtschaftlich optimierte Projekte zu ermöglichen, sollte die Bauherrschaft dem TU möglichst viele Freiten sowohl bei der Planung wie auch bei der Ausführung zugestehen. Dies stelle jedoch hohe Anforderungen an den funktionalen Projektbeschrieb.

Für die erfolgreiche Umsetzung von TU-Projekten seien jedoch klare Spielregeln notwendig. Die Erfahrungen aus verschiedenen Bauprojekten hätten gezeigt, dass einige Spielregeln gerade bei diesen Arbeiten eine bessere Abstimmung benötigten: 1. Klare Definition der Freiheiten des TU in der Submissionsphase und während der Ausführung. 2. Genaue Abstimmung der Planungskompetenzen und der Planungsverantwortung zwischen Bauherrschaft, seinen Spezialisten und dem Totalunternehmer. 3. Klare Definition des Ablaufs bei Bestellungsänderungen durch den Bauherrn.

Pifferi resümiert, dass TU-Projekte den Infrastrukturbau in den nächsten Jahrzehnten beeinfluss würden. Sie seien eine passende Antwort auf die zunehmende Objektkomplexität und den steigenden Termindruck. Die Vorteile von TU-Submissionen seien unbestritten. Es sei unbedingt notwendig, für Bauherr und Totalunternehmer akzeptierte Spielregeln mit einer ausgewogenen Risikoverteilung zu definieren. Trotz immer besseren Verträgen und Spielregeln und der Standardisierung der Abläufe bleibe für eine erfolgreiche Umsetzung von TU-Projekten auch Flexibilität, Verhandlungsgeschick und Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten absolut notwendig.

 

Überall wird gebaut

Während das Volksfest am 9. Dezember zur Wiedereröffnung der durchgehenden Tram- und Buslinien langsam näher rückt, wird noch an allen Ecken und Enden gebaut. Spezialisten justieren die Weichenmotoren, an den Tramperrons wird für den Belagseinbau geflammt, vor dem Haupteingang des Bahnhofs wird provisorisch ein Belag eingebaut, so dass der Haupteingang zum Bahnhof, wenn auch noch reichlich schmal wieder begangen werden kann. Den Tramstationen etwas vorgelagert wird zurzeit eine zusätzliche Busstation gebaut.

Dem öffentlichen Auge nicht sichtbar wird im Untergrund unter Druck die neue Christoffelunterführung gebaut. Die neuen beiden Zugänge in die Unterführung sind seitlich am Platz verlegt, womit sich ankommende Zugpassagiere aus dem Bahnhof und Fahrgäste von Bernmobil nicht mehr gegenseitig behindern. Der Werkleitungsbau vor dem Käfigturm, der das westliche Fundament und den Durchgang des historischen Turms freigelegt hat, bedeutete eine Herausforderung der Baustatik und die äusserst umsichtige Bauausführung- und -Sorgfalt. Auch dieses Bauteil steht vor dem Abschluss.

 

Judihui

Kurz nach 14 Uhr fuhr das erste Tram am 9. Dezember vom Hirschengraben über den Bubenbergplatz unter dem grossen Beifall von geladenen Gästen und dem zahlreichen Publikum auf den Bahnhofplatz. Die Destinationsanzeigetafel des Trams zeigte keine bekannte Endstation an, sondern in grossen Lettern «Judihui», derweil Samichläuse und Schmutzlis Schokolade, Mandarinen und Marronis unters Volk verteilten und Bern Mobil Sounds, der Musikverein des städtischen Verkehrspersonals, schmissige Märsche und Evergreens spielten.

Hoch zufrieden zeigten sich an diesem Tag natürlich die Verantwortlichen für den Bau des neuen Bahnhofplatzes, allen voran natürlich Baudirektorin Regula Rytz, der Projektverantwortliche Kantonsingenieur Hans-Peter Wyss und Bern Mobil-Direktor René Schmied und alle weiteren Verantwortlichen.

 

Phänomenal, Super

Das auf den Tag genau wie geplant möglich gewordene Volksfest mit dem Abschluss der ersten Bauetappe ist im Hinblick auf die Komplexität des Gesamtprojekts keine Selbstverständlichkeit. Auch anfängliche Zweifler finden es nun «phänomenal» oder «super», was die Bauverantwortlichen und alle Bauteams in diesen sechs Monaten geleistet haben.

In der Zeitung «Der Bund» vom 3. Januar dieses Jahres erschien ein recht ausführlicher Leserbrief unter dem Titel «Eine Lobeshymne für die Bauarbeiten an Berns Bahnhofplatz». «Hervorzuheben ist auch, dass das komplexe Projekt bis jetzt ohne nennenswerte Unfälle ablief, was für eine umsichtige und verantwortungsbewusste Projektleitung spricht. ... Diese Etappe will ich dazu nützen, allen Beteiligten und Verantwortlichen und den Bauarbeitern, die unter erschwerten Bedingungen und enormem Zeitdruck ihre Arbeiten zuverlässig verrichten, einmal zu danken. ...»

 

Zweite Etappe bis 31. Mai

Noch steht aber einiges an: Fertigstellung des eigentlichen Bahnhofplatzes, Bau der Christoffelunterführung, Realisierung des Baldachins, Fertigstellung Hirschengraben, Bubenbergplatz und rund um die Heiliggeistkirche. Eine ruhige Kugel werden die Bauteams bis zum Abschluss also nicht schieben können.

 

Text und Fotos: Andreas Moning










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