Fachtagung «Grabenloses Bauen im Casino Zug».
Grabenloses Bauen («NoDig») ist oft eine schnelle und günstige Methode
Nr. 04 2008: Am 20. Februar hat der Fachverband Infra die Bauwelt, vor allem Bauverantwortliche aus Bauämtern, Bauunternehmungen und Bauplanung zu ihrer Fachtagung «Grabenloses Bauen» ins Casino Zug und zu einer entsprechenden Baustellenbesichtigung Zugerbergstrasse eingeladen. Hochkarätige Referenten aus Forschung und Praxis haben die über 100 Teilnehmer über die neusten Trends und Innovationen beim grabenlosen Bauen informiert. Die Vorteile der grabenlosen Baumethoden wie Microtunneling, Pressvortrieb oder Horizontalbohrungen gegenüber dem konventionellen Tiefbau erweisen sich als evident. Insbesondere können Verkehrsbehinderungen, Umweltauswirkungen und Baurisiken in vielen Fällen deutlich reduziert und die Bauzeiten signifikant verkürzt werden. Dies verdeutlichte auch die Baustellenbesichtigung nach dem Mittagessen. BAUKADER war Gast an der Fachtagung.

Die ganze Schweiz verfüge über ein dichtes Wasserversorgungs- wie auch Abwasserentsorgungsnetz. Die geschätzten 53 000 km Wasserleitungen, welche komplett unter dem Boden liegen, hätten beispielsweise einen Neuwert von 30 bis 35 Milliarden Franken. Die Gesamtlänge des Kanalisationsnetzes belaufe sich nach Erhebungen der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) auf 47 000 km und entspreche einem Wert von rund 55 Milliarden Franken, führte Hansruedi Meier, Vorstandsmitglied des Fachverbands Infra, in das Tagungsthema ein. «Über 10 000 km bzw. rund 23% der Kanäle weisen jedoch starke Beschädigungen auf und müssen in den nächsten Jahren saniert werden. Aufgrund der knappen finanziellen Mittel von Städten und Gemeinden sind innovative und kostengünstige Baumethoden zur Sanierung der bestehenden Leitungsbauwerke gefragt.»

 

Unangenehme Behinderungen durch Tiefbaustellen

Gerade in  städtischen Gebieten führten Unterhalts- und Sanierungsarbeiten von Ver- und Entsorgungsleitungen zu Verkehrsbehinderungen, Lärm, Staub sowie verärgerten Bewohnern, Ladenbesitzern und Kunden. Dies müsse aber nicht sein, führte der die Fachtagung moderierende Hansruedi Meier weiter aus. Der Ersatz oder die Erweiterung bestehender Rohrleitungs- und Kanalsysteme könnten auch mit Baumethoden erfolgen, welche von der Bevölkerung oder den Verkehrsteilnehmern kaum wahrgenommen werden. Strassen und Plätze müssten nicht mehr aufgerissen, sondern könnten durch grabenloses Bauen elegant unterfahren werden.

 

Hohe Wartekosten bei Lichtsignalanlagen

Guido Meier von der Implenia Bau AG, welche zusammen mit Brunner Erben AG zurzeit direkt neben dem Casino Zug mittels Microtunnelling eine neue Meteorwasserleitung erstellt, rechnete die ungedeckten Kosten einer konventionellen Baustelle mit einer Lichtsignalanlage vor: Bei einer Frequenz von 15 000 Fahrzeugen pro Tag, einer Wartezeit von zwei Minuten und einem durchschnittlichen Lohnansatz entstünden Wartekosten im Umfang von knapp 15 000 CHF pro Tag oder rund 100 000 CHF pro Woche. «Bei der Anwendung grabenloser Baumethoden können diese Kosten grösstenteils vermieden werden.»

 

Gute Erfahrungen in der Stadt Zug

Karl Linggi, stellvertretender Stadtingenieur von Zug referierte im Detail über das laufende Projekt der neuen Meteorwasserleitung, welche von der Obersstadt unter dem Gebäude des Stadtbauamts sowie unter Strassen bis in den Zugersee hindurchführt aus der Sicht der Projektplanung. Auf dem Gebiet der Stadt Zug hätte sich das Microtunnelling bereits mehrfach bewährt. Gegenüber dem konventionellen Tiefbau sei das Microtunnelling dann im Vorteil, wenn Leitungsbauten in grosser Tiefe, in der Unterquerung von bestehen Bauten oder im Grundwasser zu erstellen seien. So könnten durch den Verzicht auf grossflächige und kostspielige Grundwasserabsenkungen nicht nur Kosten gespart, sondern auch Schäden an umliegenden Bauten vermieden werden.

 

Maschinentechnik und Elektronik als Innovationsmotoren

Gespannt waren die Teilnehmer der Fachtagung auch auf die Ausführungen von Werner Suhm von der Firma Herrenknecht AG aus Schwanau (D). Sein Referat war denn auch ein Feuerwerk an Informationen aus dem gesamten hochkomplexen Bereich des Tunnelings, vom gewaltigen Grossprojekt und Microtunneling mit Überdeckungen von 30 Meter und Grundwasserdrücken von mehr als 2.5 bar, mit Combined Shields usw. bis eben hin zum Microtunneling in sehr schwierigen Böden oder im Lockergestein.

Er betonte die ökonomischen und ökologischen Vorteile der grabenlosen Baumethoden und dokumentiert die sozusagen explosionsartige Entwicklung dieser Methoden. So gebe es heute Lösungen für alle Geologien, wo vorher gewaltige Schwierigkeiten bestanden. Dies insbesondere in bindigen, klebrigen und stark kohäsiven Böden mittels Mitteldruckbedüsung oder Hochdruckspülung. Nach Werner Suhm von der Firma Herrenknecht AG aus Schwanau (D), der unbestrittenen Marktführerin im maschinellen Tunnelvortrieb, beinhalten die grabenlosen Baumethoden noch ein grosses Innovationspotenzial. Entwicklungen bei der Maschinentechnik und die heute nicht mehr wegzudenkenden elektronischen Mess- und Aufzeichnungsgeräte führten zu immer schnelleren, präziseren und kostengünstigeren Leitungsbauten.

 

Hydraulische Fugen

Stefan Trümpi, Geschäftsführer von der Jackcontrol AG, einem erfolgreichen Spinoff-Unternehmen der ETH Zürich, informierte über ihre innovative Idee einer hydraulischen Fuge zwischen den Vortriebsrohren. Der deformierbare Fugentyp, bestehend aus einem Hydraulikschlauch, verteile die Druckfläche zwischen den Stahlbetonrohren gleichmässig, was Schäden an den Rohren vermeiden und damit zu einer deutlich längeren Lebensdauer bei den erstellten Bauwerken führe. «Vorteilhaft ist diese Technik besonders bei Kurvenvortrieben, können doch engere Radien gefahren und längere Vortriebsetappen realisiert werden.» Da habe sich in der Praxis erfolgreich erhärtet.

 

Forschung und Entwicklung gehen weiter

Prof. Markus Thewes von der Ruhr-Universität Bochum wies darauf hin, dass im Bereich der grabenlosen Baumethoden weltweit intensiv geforscht und entwickelt wird. Bessere Lösungen werden insbesondere bei der Rohrstatik, den Rohrwerkstoffen, den Rohrdichtungen, den Druckübertragungsmitteln und bei der Vortriebssteuerung gesucht. Das Ziel der Forschungsaktivitäten bestehe darin, mit sicheren und wirtschaftlichen Baumethoden qualitativ hoch stehende Leitungsbauwerke mit einer langen Nutzungsdauer zu erstellen.

 

Auf der Baustelle mit dem Stadtingenieur

Nach der vorzüglichen Küche des Casinos Zug ging es zur Praxis über. Nicht weit vom Casino ist wie bereits erwähnt das Micotunneling-Projekt für den neuen Meteorwasserleitungskanal sozusagen vom Ausläufer des Zugerbergs unter Gebäuden und Strassen hindurch bis in den Zugersee im vollen Vortrieb. Die Baustelleninstallation, die Baugrube und der eindrückliche ferngesteuerte Vortrieb des Microtunnelungs befinden sich auf der Höhe des Casinos, wenn auch seitlich versetzt.

Die kompetente Führung bestreiten Guido Meier von der Implenia Bau AG, die hier zusammen mit der Brunner Erben AG bauen und Karl Linggi, stellvertretender Stadtingenieur. Heute ist es selbstverständlich geworden, wie hier, dass das ausgeschwemmte Material aus dem Vortrieb in ausgeklügelten Containernanlagen recycelt wird. Auch das für das Optimieren der versetzten Kanalrohre im Vortrieb eingesetzte Bentonit wird wieder dem Recycling zugeführt, wie Guido Meier die Baustelle kommentiert. Hier befindet sich auch die Kommandozentrale direkt über der Baugrube für den komplex gesteuerten Vortrieb.

Der stellvertretende Stadtingenieur Karl Linggi seinerseits führte mit vielen interessanten Details entlang des Verlaufs des unterirdisch geführten und geometrisch ansteigenden und horizontal abweichenden Vortriebs der neuen Meteorwasserleitung durch den betroffenen Stadtteil von Zug.

 

Gewaltige technische Fortschritte des heutigen Tunnelings

Die heute hoch entwickelt technischen und äusserst unterschiedlich eingesetzten Methoden in allen möglichen und unmöglichen Boden- und Gesteinsbeschaffenten und entsprechenden Dimensionen sind äusserst komplex. Die Dokumentation für die Fachtagung entspricht sozusagen einem Kompendium für interessierte Fachleute. Für speziell Interessierte ist bei der Infra diese Dokumentation bei Anfrage womöglich noch lieferbar. Der Versuch lohnt sich. Falls nicht, liegt ein Exemplar bei Baukader Schweiz zur Einsicht oder zur Ausleihe bereit.

 

Text und Fotos: Andreas Moning

 

 








drucken | empfehlen | zurück | top