Editorial: Faszination Bauen als Spiegel des Zeitgeists
Liebe Baufachleute

Bauen ist die Faszination, ein Werk zu schaffen, das Bestand hat, die Zeit überdauert, Wohnstatt und Schutz bietet, Infrastruktur und Mobilität ermöglicht, also Voraussetzung ist für eine soziale Gemeinschaft mit Handel, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und technologischer Entwicklung und Wohlstand. Auch ein Werk zu schaffen, das Ausdruck von Schönheit, Eleganz, überzeugender Funktionalität, Schlichtheit oder bautechnischer Raffinesse ist. Das verschafft den Baufachleuten Zufriedenheit über das Gelingen und das Vollbrachte und löst in Betrachtern Respekt, Staunen, Anregung, Eindruck oder Begeisterung aus. Das ist Euer faszinierender Berufsalltag.

Durch alle Jahrtausende und Jahrhunderte ist Bauen Ausdruck zeitgebundener Ästhetik, Architektur, Technologie, kultureller, klimatischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer und religiöser Gegebenheiten. 

Ein Bauobjekt wird primär mit dem Ziel erstellt, eine bestimmte Funktion zu erfüllen. Gleichzeitig vermittelt jedes Bauobjekt eine Botschaft, sei es im Objektinnern, mehr jedoch eine Botschaft an die Aussenwelt. Bauen und der Bau spiegelt das soziale Selbstverständnis einer grösseren oder kleineren Gemeinschaft, das Selbstverständnis der Wirtschaft oder eines Wirtschaftbereichs, einer Branche, der (Macht)Politik, der Religion, des Landstrichs oder Kulturraums, des Bauherrn usw. Bauen ist Zeitgeist und macht Zeitgeist. Ihr Baufachleute realisiert also materialisierter Zeitgeist, und prägt ihn gleichzeitig mit den Bauwerken. Dann wird das Bauwerk zum Zeitzeugen und dokumentiert vergangenen Zeitgeist. Die Botschaft, die ein Bauobjekt vermittelt, ist daher keineswegs zufällig und nicht einfach nur so und nicht anders.

Es ist daher auch keineswegs Zufall, mit welchem Baustoff ein Bauobjekt in seiner Zeit und seinem Raum realisiert wird. Auch der Baustoff widerspiegelt den Zeitgeist, die sozialen, wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen Gegebenheiten des jeweiligen Zeitlaufs. 

Besonders eindrücklich in dieser Beziehung erwiesen sich meine Ferien in Andalusien. In den andalusischen Städten Cordoba und Granada befinden sich die weltberühmten und als Weltkulturerbe erklärten Baudenkmäler, die Mesquita-Cathedral von Cordoba, eine der schönsten Moscheen der Welt in spanisch-muselmanischer Architektur und ältestes Gebäude Spaniens. In der Mitte des riesigen Moscheenbaukörpers (erbaut vom 8. bis 13 Jahrhundert) hat der spanisch christliche Klerus im 16. Jahrhundert eine barocke Kirche hineingebaut. Das ist aus baustilistischer Sicht ein barocker Gräuel in dieser «Maurischen Baukunst mit einem orientalischen Tanz von schlanken Alabastersäulen».

Dennoch ist auch die barocke Wucht der Kirche statisch und bautechnisch ein Wunderwerk unglaublicher Perfektion und Ausführung. Da prallt Zeit auf Zeitgeist, prallen Vorstellungen der Gotteserfahrung aufeinander, prallt mit unglaublich hoher Baukunst die leere Luftigkeit des Säulen- und Bogenspiels der alten Moschee aus dem 8. bis 13. Jahrhunderts auf die barocke Überladenheit des 16. Jahrhunderts.

Faszinierend ist die statische Baukunst der bis ins 8. Jahrhundert zurückreichenden und dann erweiterten Moschee: Die Säulenbögen wurden im Wechsel von Kalkstein und Ziegelstein gebaut. Das verleiht der Statik optimale Tragkraft und gleichzeitige Elastizität. Die Moschee hat nach teilweise über tausend Jahren keinen einzigen Mauerriss. 

Auf dem 700 Meter hohen roten Berg, einem Ausläufer der Sierra Nevada, am Rand von Granada, erhebt sich die weltberühmte Alhambra, dem sich stets erweiterten Sitz der maurischen Sultankönige jener Zeit. Er entwickelte sich vor allem vom 13. bis 15. Jahrhundert zu einem unglaublichen Höhepunkt der maurischen bzw. islamischen Baukunst, in Statik, architektonischer Schönheit und Harmonie, dass es einem fast die Sprache verschlägt und von einem Baukundigen des 21. Jahrhunderts einen fast fassungslosen Respekt abverlangt.

Und heute? Wir bauen an unserem Zeitgeist. In unglaublich kurzer Zeit, mit unglaublich wenig Baufachleuten in schwindelnde Höhe und Tiefen, durch Berge ... Wir Baufachleute bauen eben am Zeitgeist die zukünftigen Zeitzeugen. Das ist ein faszinierender Vorgang. 

Andreas Moning 




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