Ein grosser Baukran überragt die Burglauener Wohnhäuser, wo für 13 Millionen Investitionsvolumen seit einem Jahr nicht nur die neue Wehr- und Wasserfassungsanlage neu gebaut, sondern auch eine neue Steuerzentrale und ein neu entwickeltes Entsanderbeckensystem eingebaut wird.
Neue Wehranlage- und Wasserfassungsanlage Burglauenen für das Kraftwerk Lütschental der Jungfraubahnen im Bau
Der Verwaltungsrat der Jungfraubahnen hat im Juni 2004 nach umfassenden Abklärungen entschieden, dass es absolut Sinn mache, die eigene Stromproduktion zu behalten. Damit war der Weg frei, die Erneuerung des fast hundert jährigen Wehrs in Burglauen zu initiieren. Nach rund einjährigem Neubau ist Baukader auf der eindrücklichen Baustelle mit dem örtlichen Bauleiter und Geschäftsführer der Prantl Bauplaner AG Grindelwald, Peter Bohren und dem Baukader Schweiz-Polier Ruedi Rufenbach. Das Spezielle an diesem Wasserbauwerk: Den Bauplan und die vielen verschiedenen Bauphasen bestimmt auch der unterschiedliche Lauf der Schwarzen Lütschine. Sozusagen ein Werk mit und gegen die Natur. Ein rund 13 Mio. Franken-Investitionsprojekt der Jungfraubahn AG als Bauherrin mit Projektleiter Hans Schlunegger, der Prantl Bauplaner AG, der BKW FMB Engineering Energie, Engeneering Kraftwerke sowie der ARGE Ghelma AG Baubetriebe, Gerber & Troxler Bau AG, Meier + Jäggi Spezialtiefbau und Sematter AG Bauunternehmung.
Ankunft in Burglauenen, dem idyllischen kleinen Dorf in der Talsohle vor Grindelwald, nicht gerade sonnenverwöhnt an diesem 8. November, während die frisch verschneiten Bergflanken ob Grindelwald sonnenbeschienen ins Tal grüssen. Das seit rund einem Jahr im Bau befindliche Bauwerk als Ersatz für das rund hundertjährige Wehr befindet sich gleich gegenüber der Bahnstation und Strasse Burglauenen, wo mich Peter Bohren, verantwortlich für die örtliche Bauleitung der Prantl Bauplaner AG, herzlich begrüsst.

Das Gesamtprojekt  

Im zum Baubüro umfunktionierten Bahnhäuschen erläutert Peter Bohren an Hand von Bauplänen das umfassende Bauwerk im schwierigen Baugrund der neuen linksufrig angeordneten Wasserfassung der Wehr- und Wasserfassung des Kraftwerks Lütschental. Das Bauprojekt umfasst im wesentlichen zwei neue je sieben Meter Breite Öffnungen, einem Mittelpfeiler und je einem Widerlager links- und rechtsufrig, wo hydraulisch betätigte Segmentschützen mit aufgesetzten Klappen als Verschlussorgane eingebaut werden, zwei längsdurchflossene, Turbinen und Rohre schonende rund 40 Meter lange und überdeckte sowie ökologisch begrünte Entsanderbecken (Systementwicklung technische Hochschule Rapperswil), neue Brücke über das Wehr (künftig für Anwohner nutzbar) sowie neuem Steuergebäude.

Für ein tausenjähriges Hochwasser gerüstet  

Es ist erstaunlich, dass das 1906-08 erbaute Tafelschützenwehr bis 2003 fast hundert Jahre zuverlässig die höchst unterschiedlichen Wassermassen der Schwarzen Lütschine gemeistert hat. Doch es ist an die Grenzen gestossen und ist auch für die Kraftwerkmitarbeiter gefährlich geworden. Denn die Schwarze Lütschine als Gebirgsfluss kann bei heftigen Regenfällen und Gewittern oder gar einem Gletscherabbruch bedrohlich ansteigen. Die Lütschine führt je nach Jahreszeit 4-20 Kubik/Sekunden Wasser und kann in kurzer Zeit bis 90 Kubik/Sekunden oder mehr ansteigen.

Wie Peter Bohren berichtet, wurde ein Alarmsystem in die Schwarze Lütschine eingebaut, das der Bauleitung und dem Bauteam rund 20 Minuten Zeit verschafft, sich und die Baugeräte in Sicherheit zu bringen. Wie mir Polier Daniel Rufibach bestätigt, hat der Alarm sie bereits zweimal rechtzeitig gewarnt. Und Peter Bohren beachtet die Wetterprognosen regelmässig besonders aufmerksam.

Es wird direkt im Fluss gebaut 

Denn hier wird direkt im Fluss gebaut. Und der lässt sich nicht stauen, sondern lediglich, je nach unterschiedlichen Bauetappen, mit provisorischen Bauteilen im Flusslauflauf steuernd umleiten. «Das führt ständig zu vielen unterschiedlichen Bauphasen, bei denen der Lauf der Lütschine zu berücksichtigen ist.» Das neue «Jahrhundertbauwerk» wird künftig auch ein tausendjährliches Hochwasser von rund 160 Kubik Sekunden Abfuhr verkraften können und dies selbst bei einer geschlossen Wehröffnung. Die Nutzwassermenge wird wie bis anhin sechs Kubikmeter/Sekunde bei unveränderter Fallhöhe von 160 Meter und unveränderter Staukote 892.6 Meter über Meer im Oberwasser betragen. Allerding wird eine Absenkung der Lütschinensohle im Staubereich zwecks Anpassung an die neue, tieferligende Sohle des Segmentwehrs vorgenommen. Die Restwassermenge wird von 250 auf 400 Liter/Sekunde erhöht und mittels Dotierwasserturbine geregelt und genutzt werden. Bezüglich der Jahresstromproduktion ist mit neu 35,3 Gigawattstunden (1,1 GWh vermindert wegen höherer Dotierwassermenge) zu rechnen.

Baugrubenerschliessung und schwieriger Baugrund

Die geologischen Verhältnisse und die Bodenbeschaffenheit im Baugrund sind schwierig. Einerseits wird hier in einem Felssturzgebiet mit unterschiedlichen Ablagerungen und Findlingen mit bis zu 8 m Durchmesser gebaut, andererseits in Lehmschichten, was ein besonderes Vorgehen im Spezialtiefbau und Erdverankerungen mit Nagelwänden erforderte. Polier Daniel Rufibach bleibt in bester Erinnerung, welche Umsicht und Achtsamkeit notwendig war, dass im Lehmbereich kein Bau- oder Bohrgerät gefährlich kippte oder im Baugrund einsank.

Nebst den üblichen Baugrubenerschliessungen war der Rückbau des bisherigen Tafelschützenwehrs, der Abriss der bisherigen Brücke, die Erstellung einer Notbrücke mit Längsträgern aus Stahl, einem Holzbohlenbelag und Geländer für eine Überquerung bis zu 70 t Gewicht, der Einbau eines provisorischen Rechens im Oberwasser.

Verrohrte Vorbohrung der Spundwände

Um eine dichte Abschottung des Wassers sicher zu stellen ist die geplante Rühlwand durch eine 12 m tiefe Spundwand ersetzt. Die Auflockerungsbohrungen erwiesen wegen der grossen Findlinge als nicht möglich. Aus diesem Grund wurde entschieden, eine überschnittene, verrohrte Vorbohrung mit 900 bis 1200 mm Durchmesser mit Materialersatz über die ganze Strecke der Spundwand auszuführen. Zudem wurden 10 Grossfilterbrunnen eingesetzt, wie Peter Bohren ausführt. 

Auf der Baustelle oder Massarbeit in den Spezialschalungen 

Peter Bohren stahl sich die Zeit, Baukader hautnah in die unterschiedlichen Herzbereiche des im Bau befindlichen Wehrs und der Wasserfassung über Stieg und Steig zu führen. Was sich hier an Spezialschalungen zeigte, insbesondere für die hydraulischen sieben Tonnen schweren Segmentklappenschützen, den Pfeiler zwischen den beiden Hauptöffnungen oder die neu entwickelten Entsanderbecken, weckt Begeisterung für baukundig Interessierte. Auch Polier Daniel Rufibach schätzte diese besondere Herausforderungen auf dieser Baustelle.

Text und Fotos: Andreas Moning 

Lesen Sie die Fortsetzung der  interessanten Baureportage in Baukader 01/2005 

  

 








drucken | empfehlen | zurück | top