Das Hochbauamt der Stadt Bern und der städtische Denkmalschutz haben im Kornhausforum Bern zu einer äusserst spannenden Podiumsdiskussion mit der Thematik «Klimaschutz versus Baukultur» die Öffentlichkeit eingeladen.
Bauen heute im Spannungsfeld von Bauherren, Planern, Klimaschutz und Denkmalschutz


Das einleitende Kurzreferat des Stadtpräsidenten
Nachdem der Moderator der Podiumsdiskussion, Bernhard Giger, als Leiter des Kornhaus Forums sowohl die Teilnehmer des Podiums und das Publikum begrüsste, skizzierte Stadtpräsident Alexander Tschäppät im einleitenden Kurzreferat den gesamten Spannungsbogen zur Thematik «Klimaschutz und Denkmalschutz». Die Klimaerwärmung sei heute in aller Munde. Gerade im Baubereich werde die Forderung nach energieeffizienten Gegenmassnahmen immer lauter erhoben. Zum Beispiel sollen energetische Verbesserungen wie die Installation von Solaranlagen von der Baubewilligungspflicht befreit werden.
Was bedeutet dies für unsere Städte? Wie weit werde dadurch der Anspruch auf architektonische Qualität geschmälert? Oder müsse man den Baudenkmalschutz gar abschaffen? «Geht damit dann unser Respekt vor Baudenkmälern verloren?»
Tschäppät postulierte, Klimaschutz und Denkmalschutz gehörten zur Sicherung von Qualität und hoher Baukultur im öffentlichen Interesse zusammen. Er unterschied dabei die so genannten inventarisierten Bauten, die absolut zwingend dem Denkmalschutz unterstehen müssen wie zum Beispiel historisch erbaute Gebäude in den Altstädten und der gesamten Stadt.
Kaum ein Tag vergehe, an dem nicht weitere Massnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz im Hochbau gefordert werden. Dabei rücke die Denkmalpflege in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit. Die Denkmalpflege beschäftige sich nur mit einem relativ kleinen Teil, eben mit den inventarisierten Bauten, exponiere sich aber stark mit Auflagen und Forderungen bei der Umsetzung von energetischen Sanierungen. Dabei wolle sie einen Wildwuchs bei Aussendämmungen und Solaranlagen verhindern. Doch alle weiteren Bauten in Dörfern und Städten prägten das Bild unserer Lebenswelt. «Dürfen wir weiterhin architektonische Qualität einfordern, oder gebietet die Dringlichkeit der Situation, die Baukultur der Energieeffizienz zu opfern?» Architekten und Städtebauer (nachhaltige Raumplanung) seien mit zunehmendem Einfluss mit energietechnischen Überlegungen konfrontiert. Kompakte, wie auch immer gestaltete verdichtete Gebäudevolumen, geringere Fenstergrössen und faktischer Zwang zur Aussenisolation usw. Energieeffizienz dürfe aber keineswegs auf Kosten hoher Baukultur geschehen.
Nur durch strenge Auflagen von Seiten des Klimaschutzes und des Denkmalschutzes führten zu Diskussionen und zu Entwicklungen neuer Baumaterialien und -Produkte sowie zu neuen Bautechniken.

 

Jedes Mal ein Affentheater
In der Podiumsdiskussion mit den Herren Mark Werren, Architekt ETH/SIA, Partner GWJ Architekten Bern, Josef Jenni, Jenni Energietechnik, Solartechnikunternehmung in Oberburg, Dr. Michael Aebersold, Stadtrat Bern und Sektionschef Bundesamt für Energie, Dr. Jean-Daniel Gross, Denkmalpfleger der Stadt Bern, kompetent moderiert von Bernhard Giger, Leiter Kornhausforum, wetterte Josef Jenni gleich seinen Ärger in den Raum. Das sei jedes Mal ein Affentheater bei jedem Bau oder Sanierungen in der Stadt Bern, wenn es um Solaranlagen gehe. Und doppelte nach, die Baupläne landeten wohl beim Denkmalschutz anscheinend auf der «Apfelhurde». Dagegen verwahrte sich Dr. Daniel Gross als Denkmalpfleger der Stadt Bern: Bei solaren Erstanlagen habe die Denkmalpflege niemals eingegriffen, ausser bei delikaten inventarisierten Bauten. In den allermeisten Fällen gebe es irgendwelche Lösungsansätze.

 

Wylerguet soll im Sinne der Identitätsfindung einer Wohnüberbauung zu einer Gesamtlösung führen
Dagegen hält ein Votum aus dem Publikum, ein Bewohner des so genannten Wylerdörfchens am Aarehang mit hoher Zahl ehemaliger Arbeiterhäuser: Es sei ihm verwehrt, eine Solaranlage zu bauen. Beziehungsweise sei sein Gesuch für eine Solaranlage seit Monaten von der Denkmalpflege nie beantwortet worden, Der Denkmalpfleger antwortet ihm, für das Wylerdörfchen sei eine Gesamtplanung in Arbeit. Für diesen Votanten ist das wohl kaum eine befriedigende Antwort.
Josef Jenni, Jenni Energietechnik, Solartechnikunternehmung in Oberburg bilanzierte darauf, es sei in keiner Stadt so schwierig wie in Bern, was alternative Energiequellen wie Solaranlagen betreffe. Betreffend der auch diskutierten unauffälligen Solarziegel präzisierte er, sie seien lediglich heute tauglich für eine Erwärmung des Wassers bis etwa 40 Grad Celsius.

Ein anderes Votum aus dem Publikum, ein Hausbesitzer eines denkmalgeschützten Hauses in der Länggasse Bern, bekundet aber Lob für den Denkmalschutz bei der Sanierung seiner Liegenschaft.

 

Der gesamte Spannungsbogen aus Sicht des Architekten und der Politik
Der ganze Spannungsbogen zwischen Klimaschutz versus Baukultur und Denkmalschutz zeigt sich schnell auf dem Podium und im Publikum. Denn oft befindet sich ein Bauvorhaben im komplexen Bereich von Raumplanung, unterschiedlichen Baugesetzen, Stadt- oder Ortsbildkommissionen, kantonalen und kommunalen denkmalschützerischen Auflagen und dem Schweizer Heimatschutz.

Entspannter sieht dieses Spannungsfeld Mark Werren, Architekt ETH/SIA, Partner GWJ Architekten Bern aufgrund seiner Erfahrungen. Es sei jeder Bau und jede Sanierung eben ein Entwicklungsprozess mit einem Dialog zwischen dem Bauherrn und dem rechtzeitigen Einbezug aller involvierten Institutionen und notwendig sei auch ein umfassendes Gesamtenergiekonzept. Er bestätigte aber die Tatsache, dass heute auch der Bauherr über ein recht hohes Wissen über die Rahmenbedingungen für sein Bau- oder Sanierungsvorhaben verfügen müsse.
Dr. Michael Aebersold, Stadtrat Bern und Sektionschef Bundesamt für Energie im Podium bringt aber ein, dass es heute klare Richtlinien brauche, wo in welchen Zonen was baulich zu gelten habe und er habe eine entsprechende Motion im Stadtrat eingereicht.

 

Fazit des Abends
Es hat sich am Abend im Kornhausforum gezeigt, dass die städtische Denkmalpflege etwas zu sehr im negativen Fokus gestanden hat. Dr. Daniel Gross verweist darauf hin, dass die städtische Denkmalpflege sich streng an die Gesetzgebung der kantonalen Denkmalpflege halte. Und sich stets um beidseitig befriedigende Lösungen bemühe.
Der Jahresbericht 2005 bis 2008 der städtischen Denkmalpflege (in diesen Tagen publiziert) gibt ihm Recht mit 67 erfolgreichen Sanierungen unter ihrer Bergleitung. Doch in diversen Fällen sorgen die Eingriffe der Ortsbildkommissionen und der Denkmalpflege oder der Raumplanung oder gar des Heimatschutzes für heisse Köpfe.
Der spannende Abend im Kornhausforum hat einiges erhellt, viele Fragen diskutiert, einige beantwortet und andere offen gelassen und einiges Wissen vermittelt. Es verdient aber grossen Respekt, dass das Hochbauamt Bern und die Denkmalpflege sich mit diesem heissen Fragenkomplex der Öffentlichkeit gestellt und wohl auch verhärtete Fronten aufgeweicht haben.

 

Text und Fotos: Andreas Moning

 


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