Ein Mehrfamilienhaus in Zürich-Höngg - von Lernenden gebaut

13 Lernende bauen in Zürich-Höngg eines von sieben Mehrfamilienhäusern und lernen dabei viel für ihre berufliche Zukunft. Herausforderungen ergeben sich für Ausbildner und Auszubildende, doch das Engagement lohnt sich auf jeden Fall.

 

Es regnet in Strömen an diesem Montag im März, aber die Lernenden von Implenia sind nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Sie verteilen den Beton auf der Schalung, waten mit Gummistiefeln durch den nassen Beton, vibrieren, diskutieren, taloschieren. „Halt“, ruft Lars Herren, der für die Lernenden zuständige Polier auf der Baustelle, „Vergesst nicht, das Kabel des Vibrators aus dem Beton zu heben, sonst verhakt er sich in den Armierungseisen!“. Der 26-Jährige hat im Winter die Polierschule in Sursee abgeschlossen und arbeitet seit dem 12. Januar und noch bis Ende April mit 13 Lernenden am mittleren von sieben Mehrfamilienhäusern hier in Zürich-Höngg an der Limmat. Und schon wieder ruft’s aus dem Regen: „Das ist ein Riesensee hier!“. Und Herren bemerkt trocken: „Da siehst du den Unterschied: Ein erfahrener Maurer wäre froh, dass er mit so viel Wasser taloschieren kann. Das geht viel einfacher.“

 

Was ist für ihn die grosse Herausforderung an diesem Job? Er macht ihn gern, das merkt man sofort, aber: „Das viele Reden ist anstrengend. Ich erkläre, drehe mich um und habe garantiert etwas vergessen zu sagen, das für einen Lehrling halt noch nicht selbstverständlich ist.“ Keinen Moment Ruhe hat er hier mit seinen Schäfchen, aber das macht es abwechslungsreich und spannend. Und er gibt sein Wissen gern weiter. „Den richtigen Ton zu finden, war zu Beginn auch nicht ganz einfach.“ Die Lernenden wollen ernst genommen werden und müssen lernen, mit Kritik umzugehen. Zu lieb und zu nett mit ihnen zu sein, das bringt niemandem etwas. Respektvoll korrigiert wird vor Ort. Abends wollen die Lernenden nach Hause und hören oft nicht mehr gut zu. Die Truppe könnte unterschiedlicher nicht sein: 1. bis 3. Lehrjahr, Mazedonier, Schweizer, Portugiesen, Italiener. Da muss man die Nerven behalten. Herren sagt: „Die ganze Baustelle zu managen erschiene mir manchmal einfacher, als dieses eine Haus.“

 

Warum ohne Liftschacht und Sichtbeton?

 

Szenenwechsel. Mit Adrian Geissmann, Implenia-Bauführer, Leiter Ausbildung und zuständig für die Maurer der Regionen Zürich und Aargau, finden wir einen trockenen Platz in einer Baubaracke. Hier erklärt er, wie er eine solche nicht ganz alltägliche Baustelle im Vorfeld geplant hat. „Unser initiativer Polier, Gregor Lüthi, hat mich auf die Idee gebracht, eines dieser Mehrfamilienhäuser als Lehrlingsprojekt zu organisieren“. Natürlich muss vorab der Bauherrenvertreter einverstanden sein, dass eines der Häuser grösstenteils von Lernenden erstellt wird. Dann geht es darum, dass die Zeit, die die Lernenden für diese Aufgabe zur Verfügung haben, kalkuliert wird. Dafür gibt es angepasste Ansätze, die einerseits dazu führen, dass die Lernenden lernen, auf Zeit zu arbeiten. Anderseits machen die Zeiten ihnen selbst und ihren Kollegen, die an den Nachbarhäusern arbeiten, klar, dass Lernende ein wenig länger brauchen dürfen. Zwei Dinge machen die Lernenden indes bei „ihrem“ Haus nicht selbst: Den Liftschacht und den Sichtbeton im Treppenhaus. „Diese beiden Dinge sind heikel“, sagt Geissmann. Zwar ist er überzeugt, dass die Lernenden durchaus im Stande wären, diese Dinge zu bauen, „aber wenn etwas schief geht, wäre das für alle Beteiligten schwierig.“

 

Und wo sind die Vorteile dieses doch recht betreuungsintensiven Projektes? Die Antwort von Geissmann kommt rasch. „Es ist enorm lehrreich, wenn die Lernenden ein ganzes Haus selber bauen können.“ Auch werden sie in ihrer Sozialkompetenz gefordert. Alle müssen mit anpacken und es gibt keinen erfahrenen Maurer, der rasch einen Handgriff erledigt oder einen kleinen Fehler korrigiert. Fachlich bringt es viel, wenn Lernende von A bis Z alles selber machen dürfen. „Unsere Lernende können etwas“, so Geissmann.

 

Langfristiges Engagement für gute Ausbildungsplätze

 

Klar, dass solche Ausbildungsmöglichkeiten nicht von heute auf morgen entstehen. Adrian Geissmann sieht das pragmatisch: „Ich bin jetzt 10 Jahre Leiter Ausbildung und sehe langsam, was wir alles bewegen. Ich bin überzeugt, dass Implenia als gute Ausbildnerin wahrgenommen wird.“ Ein bisschen stolz ist Geissmann darauf, was er geleistet hat, auch wenn er es nicht laut sagen will. Was er aber überzeugt sagt: „Ich bin ein grosser Fan von unserem Schweizer Ausbildungssystem.“ Ein weiteres klares Statement von ihm ist, dass selten die Jungen das Problem sind. Nie vergessen wird er den Satz, den ihm ein Lernender nach einem ernsthaften und konstruktiven Gespräch gesagt hat: „Danke. Das war das erste Mal, dass mich jemand in die Schranken gewiesen hat.“ Grenzen spüren gibt eben auch Sicherheit.


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