Baustelle des Monats April: Seetalplatz Luzern - Eine Grossbaustelle mit über 50‘000 Fahrzeugen täglich


190 Millionen Franken haben die Stimmbürger des Kantons Luzern im Juni 2012 genehmigt. 2018 wird der neue Seetalplatz eingeweiht. Dann wird der motorisierte Individualverkehr vom öffentlichen Verkehr und dem Langsamverkehr getrennt sein, werden Strassen und Brücken neu gebaut, Hochwasserschutzmassnahmen getroffen und Naherholungsgebiete geschaffen.

Zwei Flugzeuge donnern über die Baustelle. Der Blick von Hans Ruedi Ramseier, dipl. Bauingenieur ETH/SIA und Abteilungsleiter bei der Abteilung Bau in der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur (vif) des Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement des Kantons Luzern schweift in die Höhe. „Das waren zwei "Tigerli", bei den F/A 18 hätten wir uns die Ohren zuhalten müssen“. Aber wir haben festen Boden unter den Füssen und mein Blick heftet sich wieder auf die Informationstafel, die mir Ramseier erklärt. Ein 190 Millionen-Projekt, von der Luzerner Stimmbevölkerung am 17. Juni 2012 genehmigt, betreut der äusserst erfahrene Bauingenieur hier seit Ende 2013.

Die Baustelle „Seetalplatz“ ist nicht nur den Luzernern ein Begriff. Der Seetalplatz ist das Zentrum des Entwicklungsschwerpunkts Luzern Nord und der zentrale Verkehrsknotenpunkt. Über 50‘000 Fahrzeuge und fünf Buslinien befahren den Seetalplatz täglich. Zudem liegt er der in der Nähe von Kleiner Emme und Reuss. Das ist Vor- und Nachteil. Der Vorteil dieser Lage liegt darin, dass an den Ufern der beiden Flüsse einmalige Naherholungsgebiete für die Luzerner liegen. Zudem hat es freien Bauplatz, ein Traum für jeden Stadtentwickler. Nachteil ist, dass die Kleine Emme bei Unwettern immer wieder über die Ufer tritt und zum letzten Mal im Jahr 2005 enorme Überschwemmungsschäden verursacht hat. Das Projekt Seetalplatz ist deshalb sehr vielseitig: Neben den Neugestaltung des Verkehrs ist auch der Hochwasserschutz ein wichtiges Thema. Es werden zwei parallele Eisenbahnbrücken verlängert, fünf Strassenbrücken gebaut und Naherholungszonen gestaltet.

Unser Blick schweift zum Seetalplatz. Bis im Jahr 2013 wurden die Strassen um den Platz von ziemlich allen Verkehrsteilnehmern genutzt. Busse neben Taxis, Velofahrer neben Personenwagen und dazwischen auch noch Fussgänger. Mit der Neugestaltung der Verkehrssituation wird dieses Gewusel in zwei Stränge entflochten: Einerseits in neue Strassen für den motorisierten Individualverkehr und anderseits in eine neue Verkehrsführung für den öffentlichen Verkehr und den Langsamverkehr.

Das tönt anspruchsvoll und ist es auch, aber Ramseier ist ein alter Hase im Baubusiness und lässt sich so leicht nicht aus der Ruhe bringen. Was ist denn für ihn die Herausforderung? Das ist klar: Dass alles bei laufendem Verkehr – und davon nicht wenig – über die Bühne gehen müsse. Dabei helfe, dass Platz hier nicht Mangelware sei. Und: Lösungen gebe es immer. Ein Beispiel: Die Busse einer der fünf Buslinien, die den Seetalplatz befahren, sind Trolleybusse und somit auf Stromleitungen angewiesen. Da es ein relativ hoher Aufwand gewesen wäre, diese während der Umleitungen immer wieder neu umzuhängen, hat man mit den Verkehrsbetrieben Luzern AG nach einer anderen Lösung gesucht – und eine gefunden. Während der ganzen Bauphase fahren Diesel-Busse, dafür beteiligt sich der Kanton an der Anschaffung von neuen Fahrzeugen.

Auch die Anwohner sind hier relativ unkompliziert. „Grösstenteils“, sagt Ramseier und runzelt nachdenklich die Stirn. Es beschäftige ihn jeweils schon, wenn Anwohner, die in den wenigen Häusern gewohnt hätten, die dem neuen Projekt weichen mussten, aufgrund ihrer Hautfarbe der Augenform partout keine neue Mietwohnung bekämen.

Ein riesiger oranger Dumper pflügt sich durchs Wasser: „Die Reuss ist natürlich die ideale Fahrbahn“, schmunzelt Ramseier. „Wenn wir durch das Flussbett fahren können, kommen wir dem Verkehr nicht in den Weg.“ Aber das geht nur, wenn der Wasserstand niedrig ist. Riesige Steine werden verschoben. Bachbette müssen verbreitert werden, Naherholungsgebiete am Wasser und sogar eine kleine Insel, die Reusszopfinsel, entstehen. Damit die Bauherrschaft genau weiss, welche Mengen wohin befördert und dann auch bezahlt werden, hat sie eine Lastwagen-Waage gekauft. „Diese Anschaffung rechnet sich auf jeden Fall“, sagt Ramseier, während wir beobachten, wie der Fahrer diese befährt und bedient.

Es gibt viel zu erzählen. Unser Blick fällt auf die Kirche Reussbühl am Stadtrand von Luzern und auch dazu gibt es eine besondere Geschichte, die die verschiedenen Welten von Architekten und Ingenieuren aufzeigt. „Schauen Sie einmal diese Ufermauer entlang der Kleinen Emme an und vergleichen Sie die Farbe mit dem Beton weiter hinten. Dunkelgrauer, oder? Und wissen Sie weshalb? Damit sie die Farbe der Kirchenfassade dahinter aufnimmt“, sagt’s und ich meine ein leichtes Kopfschütteln zu sehen. Aber wer weiss?

Unser Rundgang ist zu Ende. Kurz vor der Besucherbaracke sind zwei Bauarbeiter daran, einen Abwasserkanal fertig auszubauen, und da wird von Hand talochiert. Hier treffen tatsächlich viele Gegensätze aufeinander. Unser Blick schweift ein letztes Mal über die Baustelle. Kann man sich in diesem vermeintlichen Durcheinander von provisorischen Strassen, Erdhügeln und verschiedenen Baustellen vorzustellen, wie es hier 2018 aussehen wird? Kein Problem für Hans Ruedi Ramseier: „Ich sehe den neuen Seetalplatz vor meinem inneren Auge.“

Weitere Informationen: www.seetalplatz.lu.ch


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