Baustelle des Monats März:

Die Heilige Barbara auf dem

Bürotisch oder im Tunnel?


Im Container thront die in Brienz geschnitzte Heilige Barbara auf dem Bürotisch. Was es mit ihr auf sich hat, erfahren wir später. Auf der Fensterbank liegt ein Haufen Steine. Auch davon später. Dieser Arbeitsplatz gehört Stefanie Müller, Geologin und Bauführer bei der Frutiger AG und momentan die einzige und eine wichtige Frau auf der Baustelle Buechitunnel im Lütschental.

Auf meine Frage hin, erklärt sie mir sofort die verschiedenen Fundstücke, die sich auf dem Steinstapel befinden. Für die Steine schlägt ihr Herz, aber auch für den Tunnel und ihr Team, mit dem sie zusammenarbeitet. „Ja, seit die Bauarbeiter wissen, dass ich Geologie studiert habe, bringen sie mir immer wieder ein spezielles Fundstück aus dem Tunnel“, sagt sie und schmunzelt. Als Frau stellt sie hier ihren Mann und behauptet nicht, dass es immer einfach sei, aber dass die Kollegen sie akzeptieren und auf sie hören, ihr aber auch nachsehen, dass sie als Neuling  noch nicht überall und immer sattelfest ist. Das Wichtigste ist ihr denn auch, dass das Klima auf der Baustelle gut ist, denn nur so gelingt auch das Bauwerk. In diesem Fall der Buechitunnel, dessen Hauptziel es ist, die Geleise der Berner Oberland-Bahn von Zweilütschinen nach Grindelwald zu begradigen und das bis zum Fahrplanwechsel im Dezember 2015. Dafür braucht es einen Tunnel von 708 Metern. 655 Meter davon sind bergmännischer Tunnel, d. h. sie führen durch den Fels.

Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Mineure

Und da kommen die Mineure ins Spiel und mit ihnen die Heilige Barbara, die seit Baubeginn im August 2013 eine Nische in der Tunnelbaustelle hatte, nun aber ins Büro zügeln musste, weil der Spritzbeton angebracht wird. Die Heilige Barbara ist die Schutzpatronin der Mineure, die fest an ihre schützenden Kräfte glauben. Der 4. Dezember ist ein Festtag im Tunnelbau. Nach der Weihung der Heiligen Barbara und einem kurzer Gottesdienst haben die Tunnelarbeiter frei. „So war das auch hier im Buechitunnel vor rund zwei Monaten“, bestätigt Pascal Liechti, dipl. Bauingenieur HTL und Projektleiter Untertag bei Frutiger AG. Er selber arbeitet seit vielen Jahren im Tunnelbau und weiss um die Mythen der Heiligen Barbara, einer christlichen Jungfrau, Märtyrin und Heiligen des 3. Jahrhunderts. Der Überlieferung zufolge wollte ihr Vater sie enthaupten, weil sie sich weigerte, ihren christlichen Glauben und ihre jungfräuliche Hingabe an Gott aufzugeben. Die Heilige wurde der Legende nach von einem Felsen geschützt, der sich öffnete und sie verbarg, als ihr Vater sie verfolgte. Wohl deshalb haben sie die Bergleute als Schutzpatronin gewählt. „Sicher ist, dass im Tunnelbau in der Schweiz immer eine Statue der Heiligen Barbara in einer Nische steht“, erklärt Pascal Liechti.

Neben der Heiligen Barbara haben 27 Mitarbeiter von August 2013 bis im Dezember 2014 in drei Schichten im Tunnel gearbeitet. Diese Arbeit brauchte von allen einiges an Flexibilität, vor allem,  da nicht wie geplant gesprengt werden konnte. Und wieso nicht, fragt die Journalistin die Geologin. Stefanie Müller windet sich. Wie soll man einer Nicht-Geologin so etwas in einfachen Worten erklären? „Das Problem war, dass es grösstenteils nicht fester Fels, sondern poröses Material war. Die gebohrten Löcher fallen in sich zusammen, bevor man die Ladung hineinstopfen kann. Das heisst, platzieren kann man sie, aber sie nützen nichts, da der Druck im Lockergestein verpufft.“ Das verstehe sogar ich. Und was sind die Alternativen? Zuerst wurde im sogenannten Lockergesteinsvortrieb (MUL) gearbeitet, da wir uns in Moränenmaterial befunden haben. Dafür braucht es vor allem einen tüchtigen Tunnelbagger, im Fall der Baustelle Buechitunnel ein Liebherr R 900 Litronic Tunnel mit ca. 23 t Einsatzgewicht. Danach folgte der maschinenunterstützte Felsvortrieb (MUF). Dafür wurde ein grösserer Tunnelbagger, ein CAT 328D Tunnel mit einem Einsatzgewicht von ca. 38 t und einem grösseren Abbauhammer organisiert.

Ein besonderes Hilfsmittel war beim Lockergesteinsvortrieb im Einsatz. Und zwar wurde die Sicherung mittels eines Rohrschirms gewährleistet. Bei dieser Methode werden in der Kalotte mit einem Bohrjumbo (Sandvik T12) 15 m lange Rohre schirmförmig über dem Tunnelprofil in den Fels gebohrt. Diese werden mit Zementmörtel ausinjiziert bevor der Ausbruch weitergehen kann. Der Ausbruch erfolgt dann auf 11 m, so überlappen sich die Etappen um 4 m. Im Schutz dieser 4 m kann dann wieder der neue Rohrschirm gebohrt werden.

Ausbauarbeiten sind anspruchsvoll

„Irgendwie hatte ich die Vorstellung, dass nach dem Durchstich, das Gröbste vorbei ist. Aber jetzt wird es erst recht anspruchsvoll. Jeder Arbeitsschritt muss aufeinander abgestimmt sein, sonst geht viel Zeit verloren“, sagt Stefanie Müller. Und tatsächlich gilt es rund 2 Monate aufzuholen, die dank der speziellen Geologie verloren gegangen sind. Aber Stefanie Müller und Pascal Liechti sind zuversichtlich. „Die Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft und der Bauleitung ist unkompliziert und das ist eine grosse Zeitersparnis.“

Wir weichen dem Schneegestöber aus und stapfen in Gummistiefeln, leuchtender Jacke und Hose und mit dem Helm auf dem Kopf in den Tunnel. Und da wird klar: Der Ausbruch ist schon beinahe Geschichte. Hier werden mit Spritzbeton die ersten Vorbereitungsarbeiten für die Abdichtung gemacht und viel Eisen gelegt, damit die Statik in den verschiedenen Tunnelabschnitten stimmt. Wir klettern über das Gewirr an Eisen und gelangen so zum nächsten Arbeitsschritt. Hier ist die Sohle betoniert, aber der Beton noch feucht. Wir laufen auf einem schmalen Gerüst, das an der Tunnelwand angebracht ist und kommen zur nächsten Etappe, bei der der Beton schon trocken begehbar. Bald sind wir am Ende des Tunnels. Hier wird Beton angeliefert und wir stossen auf eine weitere Frau, die Beton aus dem Mischer in den Behälter giesst. Das Staunen ist immer ein wenig gegenseitig. Aber es geht jeweils nicht lange und das Fachsimpeln geht los.

Profis auf dem Bau

„Ja, der Job ist hart und als Frau muss man robust sein“, bestätigt Stefanie Müller. Aber: „Mein Vorteil ist, dass ich gerne mit Menschen arbeite, und das spürt mein Team.“ Und wo sie nicht mehr weiter weiss, hat sie Profis an ihrer Seite. „Ich habe in Dieter Fankhauser und Daniel Märki zwei äusserst erfahrene Poliere, mit denen die Zusammenarbeit hervorragend funktioniert“. Und: Kein Tag sei wie der andere. „Genau das macht den Bauführer-Job so spannend“, sagt Stefanie Müller kehrt sich um und knufft ihren Kollegen Dieter, der sie wohl um fast einen halben Meter überragt in den Arm: „Du hast mir gesagt, ich dürfe das, wenn ich dich das nächste Mal beim Rauchen erwische!“ Das Gelächter bleibt nicht aus.


drucken | empfehlen | zurück | top