Ein Hotel im Gewächshaus - oder das Haus im Haus


Draussen blüht und spriesst es, und das Grün blendet fast. Da ist ein Glas-Gewächshaus der richtige Ort für die Baustelle des Monats Juni. Alles begann mit einem Besuch unseres Mitglieds Paul Imhof auf der Geschäftsstelle. Ein Bed and Breakfast in Härkingen hätte er zu bieten als spannendes Projekt. Ein Haus im Haus oder anders gesagt: Acht Hotelzimmer, die er in ein leerstehendes Gewächshaus aus Glas gebaut hat. Das ist einmalig in der Schweiz.

 

Begonnen hat das ganze am 4. Juli 2013. Bei diesem ersten Treffen zwischen dem Besitzer der Gärtnerei in Härkingen, Ernst Studer und Paul Imhof, Baukader und selbständiger Umbauprofi. Studer hat Imhof von seiner visionären Idee erzählt. „Wie wäre es, wenn wir in einem der Gewächshäuser ein Bed and Breakfast eröffnen würden?“ Beim Imhof ist er mit solchen Ideen an der richtigen Adresse. Er ist ein Tüftler und hat viel Erfahrungen mit Lösungen für individuelle Bauprobleme, hat er doch jahrelang massgeschneiderte Schalungen im Kraftwerksbau montiert. Zuletzt von 2008 bis 2009 für das Kraftwerk Rheinfelden. Ein Dreamteam hat sich gefunden und so beginnen Imhof und sein Sohn Ralph im Oktober 2013 mit der Arbeit. Der Dritte im Bunde ist der Bauherr selbst. Er legt Hand an und will dabei sein, wenn sein Traum entsteht.

 

Herausforderungen einer Baustelle unter Glas

 

Bauherr Studer ist es wichtig, dass der Charakter der Gärtnerei erhalten bleibt „Teilweise musste ich aufpassen, dass die Bauprofis nicht zu perfekte Arbeit liefern wollten.“, sagt er und streicht über die Holztische, die heute als Frühstücks- und Bartische dienen, aber schon eine Karriere als Pflanztische hinter sich haben und die charakteristischen Gebrauchsspuren aufweisen. Daneben steht ein Metallwagen mit gestapelter Bettwäsche. Ein sogenannter Holländerwagen, wie der ehemalige Gärtner und heutige Hotelbesitzer erklärt. Diese Wagen heissen so, weil mit ihnen die Schnittblumen aus aller Welt via Holland bis in die Blumenläden transportiert wurden. Heute haben sie neue Aufgaben als Transportwagen für Bettwäsche, Frotteetücher, aber auch als Schränke für Gläser und Tassen gefunden. Überhaupt wurden möglichst viele charakteristische Eigenheiten der Gärtnerei erhalten. Aus Beetabgrenzungen entstanden Treppenstufen und aus Treibhausfenstern entstand ein Vordach.

 

Zurück zum Baubeginn. Was war denn die grösste Herausforderung bei der Verwirklichung dieses Hotels? „Ganz klar der fehlende Platz, die grösste Öffnung war 2 auf 2.3 Meter und durch diese musste das Material für alle acht Zimmer passen.“ schmunzelt Imhof. „Und überleg mal, wie wir diesen Hotelbau im Gewächshaus zusammengebaut haben? Ohne Kran?“. Richtig. Das Ganze Bauwerk ist von allen Seiten mit Glas umgeben. So war denn das grösste Element, das von Imhof verbaut hat 3.80 auf 4.30 Meter gross. Diese Elemente wurden im Glashaus vor Ort produziert

und anschliessend mit einem kleinen Hoftrac AVANT 750 an den entsprechenden Ort gehievt.

Vom Hoteldach zum Glasdach beträgt der Abstand gerade einmal 20 Zentimeter. Aber die Arbeitsbedingungen waren ideal. Immer trocken und weder zu heiss, noch zu kalt.

 

Funktionierender Brandschutz und luftige Atmosphäre

 

Ähnlich eines Lego-Bauwerks haben die Bauprofis die Hotelzimmer aufgebaut. Zwei Gebäudeeinheiten à 4 mal 18, bzw. 4 mal 20 Meter mit je vier Zimmern und einem Raum für Heizung, Lüftung und Wassertank. Immer schön eins nach dem andern: Zuerst der Boden parallel auf beiden Seiten, dann die Seitenwände und zum Schluss das Dach der ersten beiden Zimmer und dazwischen war immer wieder der Maurer für die aus Kalksandstein gefertigten Brandabschnitte gefragt. Anschliessend wurde isoliert und mit Fermacell verkleidet. Und dann kam die nächste Zimmereinheit, die heute Namen wie Calla, Rose und Lilie tragen.

 

Das Thema Brandschutz war eine weitere Herausforderung. Es mussten immer wieder neue Lösungen gesucht werden, damit einerseits die Sicherheit gewährleistet, anderseits aber auch die luftige, leichte Atmosphäre des Glasbaus erhalten bleibt. Da sind zum Beispiel die Fensterlösungen: Bis jetzt gibt es nur Normen für stehende feuerfeste Fenster. Was aber, wenn die Fenster schräg stehen? Die hier eingebaute Fensterlösung bestehet aus Eichenrahmen und feuerfestem Glas und wurde von dem beim Kanton Solothurn zuständigen Brandschutzexperten genehmigt und anschliessend abgenommen.

 

Bitte nicht zu perfekt

 

Nicht ganz alltäglich ist auch, dass die ganze Gärtnerei nicht im Blei ist und bis zu 13 cm Höhenunterschied beim Bauen ausgeglichen werden mussten. Heute ist davon nicht mehr viel zu sehen. Einzig die Treppenstufe, die zu den Zimmern führt, ist nicht überall gleich hoch. Aber das macht nichts. Es soll ja gar nicht alles perfekt sein.

 

Wir stehen im Garten des Hotels hinter dem Gewächshaus. Auf Holzdecks ist eine Lounge eingerichtet, die zum Ausruhen einlädt. Eine Tanne und ein knorriger Olivenbau spenden Schatten. Dazwischen duften Kräuter in den Beeten. Auch hier gibt es eine Geschichte zu erzählen. Früher kamen viele Kunden direkt vom nahen Friedhof und besorgten ihre Blumen. Deshalb hatte es auch immer schon einen Durchgang in der Thujahecke, der direkt zur Gärtnerei führt. „Noch heute schneiden die Friedhofsgärtner diesen Durchgang regelmässig perfekt frei, obwohl hier keine Pflanzen mehr verkauft werden.“ so Gärtner und Hotelier Ernst Studer. Seit dem 20. Februar sind die Tore seines aussergewöhnlichen Bed und Breakfast offen und. Bis jetzt ist er mit der Auslastung zufrieden. Mut und Engagement haben sich gelohnt.

 

„Ich mache das gerne, was andere nicht machen wollen, oder nicht machen können.“, sagt Paul Imhof am Ende unseres Treffens, und man glaubt ihm. Er ist stolz auf „seine“ Gärtnerei, streicht über die Rüsttische, schwatzt mit Studers. Man spürt sein persönliches Engagement.

 

Weitere Informationen: www.altegaertnerei.ch


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