Hochwasserschutz in Sundlauenen am Thunersee


Baustelle mit Aussicht (David Birri/david birri photography)

Die Wolken sind noch dicht an diesem Februarmorgen in Interlaken. Auf der kurzen Fahrt Richtung Sundlauenen, einem kleinen Dorf in der Nähe der St. Beatus-Höhlen am nördlichen Ufer des Thunersees, lockert sich die Wolkendecke. Trotz winterlicher Temperaturen läuft die Baustelle von Polier und Baukader-Mitglied Kurt von Bergen auf Hochtouren. Ein extrem vielseitiges Projekt und eines, das sich zu einem grossen Teil selbst mit Baumaterial versorgt.

Der Auftrag ist klar: Um das Dorf Sundlauenen vor Murgängen zu schützen, soll der Bach Sundgraben auf einer Länge von rund 320 Meter tiefer gelegt und verbreitert werden. Was ganz simpel tönt, ist – so zeigt der Augenschein vor Ort – eine recht einschneidende Veränderung. Für die Verbreiterung musste Wald gerodet werden und der Sundgraben wird nicht nur ein wenig tiefer gelegt. Es sind ganze acht Meter, die von Bergen mit seinem Team seit Oktober 2016 tiefer gegraben hat. Und natürlich hat dies auch für die Umgebung Folgen: Die Sundgrabenbrücke, über die die Kantonsstrasse führt, wurde neu erstellt. Einerseits mit einer breiteren Fahrbahn und anderseits mit wesentlich höheren Brückenpfeilern – anstatt vorher rund zwei Meter sind diese nun acht Meter hoch. Die vormals steile Zufahrtstrasse ins Dorf und ans Seeufer wurde neugestaltet und hinter den Häusern mit Seeanstoss Dämme aufgeschüttet.

Menschen, Maschinen und Material

Rund 15 Bauprofis sind hier am Werk. Unterstützt werden sie von einem 40-Tonnen-Bagger, drei 30-Tonnen-Bagger, einem 20-Tonnen-Bagger, einem Dumper, einem 30-Tonnen-Kettenlader und einer Brech- und Sortiermaschine. Zeitweise war auch ein Grossbohrgerät im Einsatz.

Rund 75'000 m3 Aushub wurden hier verarbeitet. Das Besondere daran: nur rund 2'000 m3 blieben am Schluss übrig. Und wo ist der Rest? «Rund 55'000 m3 konnten wir zur Aufwertung des Seeufers in den Thunersee versenken und damit eine Flachwasserzone schaffen», erklärt von Bergen. Und wie macht man das? Die ARGE hat eine Unternehmervariante vorgeschlagen, und ein Ponton mit einem Falltor entwickelt. Damit könnten täglich 800 – 900 m3 an der gewünschten Stelle im See versenkt werden. Aber natürlich nur zu Zeiten, in denen dies für die Fische nicht schädlich war. Weitere rund 10'000 m3 diente als Koffer für den Strassenbau, der Rest wurde für die Objektschutz-Dämme und das Sichtmauerwerk wiederverwendet. «Wir haben tatsächlich keinen einzigen Stein zugeführt», betont von Bergen. Eigentlich eine Baustelle, dies sich in dieser Hinsicht selbst versorgt hat.

Auf die Frage, was denn die besonderen Herausforderungen dieser Baustelle waren, antwortet von Bergen denn auch prompt: «Ganz klar die vielen Interessen, die berücksichtigt werden mussten.» Mit den beiden Bauherren Kanton Bern und Schwellenkorporation Beatenberg mussten viele Schnittstellen berücksichtigt werden. Das war eine herausfordernde Aufgabe, auch für die Bauführung. Aber das mache das Ganze auch so spannend, betont von Bergen. Und ein grosser Vorteil sei es gewesen, dass er von Anfang an dabei war.

Wasserbau, Tiefbau und Kunstbauten

Die Vielfalt dieser Baustelle wird spätestens beim Blick auf die Pläne in der Baubaracke klar. Eine Spezialität ist laut von Bergen denn auch, wie die neue Brücke gebaut wurde. Nicht wie oft üblich von unten nach oben, sondern gerade umgekehrt. So konnte die bestehende Brücke als Provisorium beibehalten werden. Die Widerlager und die angrenzenden Flügelmauern wurden mittels eines Pfahlsystems fundiert und mit einer Betonwand oder einer hinterbetonierten Natursteinmauer verkleidet. Die Spannweite der neuen Brücke beträgt 15 Meter, die Breite rund 11 Meter.

Neben der eindrücklichen Breite des neuen Bachlaufs und der neuen Sundgrabenbrücke fallen auf den Plänen die Objektschutz-Dämme für die Liegenschaften auf dem Delta am Seeufer ins Auge. Deren Bau im Wald macht eine rund 140 Meter lange Baupiste erforderlich. Die rund 2.5 Meter hohen Dämme werden als SYTEC TerraMur ausgeführt und enthalten rund 3'500 m3 Aushubmaterial.

Es gäbe noch viel zu erzählen. Aber von Bergen wird gebraucht. Das Handy klingelt, die Batterie des Tachymeters muss ausgewechselt werden. Schliesslich ist Endspurt angesagt. Noch bis im Mai 2018 ist er mit seinem Team auf dieser Baustelle. Und was macht ihm neben der Vielseitigkeit dieses Projektes besonders Freude? «Dass wir die Termine einhalten können», sagt er und verabschiedet sich mit einem festen Händedruck.


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