Erstes Holz-Hochhaus der Schweiz: Die Baustelle findet hauptsächlich drinnen statt


Mit dem 36 Meter hohen Bürohaus Suurstoffi 22 in Rotkreuz bekommt die Schweiz ihr erstes Holz-Hochhaus. Es handelt sich dabei um ein zehngeschossiges Bürohaus in einer Holz-Beton-Verbundkonstruktion. Die Bauherrin Zug Estates AG investiert mit diesem Bauprojekt rund 55 Millionen CHF in nachhaltiges Bauen. Die Mitarbeiter der Erne AG Holzbau, als Holzbauingenieur, Systementwickler und Realisator engagieren sich mit Herzblut für dieses einmalige Objekt. Das spürt man auf der Besichtigung der Baustelle des Monats einer etwas anderen Art. Diese findet nämlich für einmal hauptsächlich drinnen statt.

Nah an der Grenze zu Deutschland lädt die ERNE AG Holzbau Mitte Mai zur Besichtigung der Vorproduktion für das Holz-Hochhaus Suurstoffi im Werk in Stein AG ein. Allein für die Konstruktion werden rund 1'500 m3 Brettschichtholz und Bau-Buche verbaut. Aber auch die inneren Oberflächen, die sichtbaren Stützen und Träger, die Verkleidung und die Rahmen der Holz-Metall-Fenster sind aus Holz. In verschiedenen Posten erfahren die Teilnehmer, wie ein solches Projekt in weniger als sechs Monaten Produktionszeit überhaupt entstehen kann. Dass es sich dabei um ein aussergewöhnliches Bauwerk handelt, spürt man sofort: Die Begeisterung der Mitarbeitenden der ERNE AG Holzbau ist eindrücklich – und auch ein wenig ansteckend. Und was Patrick Suter, Geschäftsleitung, sagt: „Innovationen entstehen nicht im stillen Kämmerlein“, wird hier gelebt.

Wandproduktion

Die Aussenwände mit Dämmung werden im Werk der Erne AG Holzbau unter idealen Bedingungen vorproduziert. Hier ist weder von Wind noch von Wetter etwas zu spüren. Das garantiert die nötige hohe Qualität. Die Besonderheit: Die Wände werden in der Klasse K60 gekapselt, um die Brandschutz-Vorgaben im Hochausbau zu erfüllen. Die Kapsel, in diesem Fall eine zweifache Gipsfaserplatte, schützt das innere Holz und zwar sechsseitig auf allen Aussenflächen. Integriert werden auch die Holzmetallfenster und die tragenden Aussenstützen von 42 x 42 cm. Alle Sichtbauteile werden für den Transport mit einer besonderen Baufolie geschützt.

Suprafloor®-Produktion: die Holz-Beton-Verbund-Produktion ergibt Suprafloor®-ecoboost2 - die Decke für Mehrgeschossige Bürobauten

«Hier sind wir in der Heiratshalle», sagt Andreas Hirschbühl, Bereichsleiter Spezialprojekte bei der Erne AG Holzbau. Und tatsächlich: Hier werden Holz und Beton verheiratet, denn die Geschossdecken der Suurstoffi werden im Holz-Beton-Verbundsystem gebaut.

Dafür hat die Erne AG Holzbau ein optimiertes, hybrides Deckenelement mit dem Namen Suprafloor® ecoboost2 entwickelt, das neben seiner Funktion als Brandschutz- und Tragelement auch alle haustechnischen Anlagen sowie Heizung und Kühlung beinhaltet. Neu am System ist, dass die Masse des Holz-Beton-Verbundes aktiv für das Raumklima genutzt werden kann. Aber das Suprafloor®-ecoboost2 hat noch weitere Vorteile: Es dient als Raum für die Installationsführung, sorgt für eine gute Akustik, beinhaltet die Lüftung, Kühlung und Heizung, den Sprinkler und die Beleuchtung.

Blechmontage

Hier werden die Holzbalken mit einer Breite von 60 cm mit entsprechenden Schlitzen versehen. Danach leimen die Erne-Mitarbeiter Streckmetalle aus Stahl ein. Diese bilden die Verbindung zwischen Beton und Holz und machen daraus eine schubsteife Verbindung. Oder anders gesagt: die obere Betonschicht erträgt Druck, die unteren Holzbalken Zug und mit dem verbindenden Stahlblech ergibt sich eine ideale Verbindung, die im sogenannten Versagensfall nicht schlagartig, sondern fliessend reagiert. Laut Hirschbühl spricht man dabei von einem «gutmütigen System», das die Chance bietet, dass man im Notfall optisch sieht, wenn etwas schiefläuft.

BIMBox: Wie kommt BIM auf die Baustelle?

Dass ein solches Bauprojekt nur mit BIM (Building Information Modelling) realisierbar ist, ist für Marc Kanzenbach, Projektleiter Baumanagement bei der Erne AG Holzbau schlicht und einfach keine Frage. Eine so hochkomplexe Logistik braucht eine verzahnte Planung, und der Takt im Werk muss mit dem Takt auf der Baustelle exakt übereinstimmten. Das braucht extrem enge Absprachen auf der Baustelle. Momentan werden immer vier Wochen im Vorlauf simuliert und die Inputs aller am Bau beteiligten abgeholt. Und dass das einfach klappen muss, wird spätestens bei Kanzenbachs Antwort auf die Frage, wie das Worst-Case-Szenario denn aussehen würde, klar: «Es gibt keines.»

Mockup: Wie sieht die Suurstoffi aus?

Das sogenannte «Mockup», das 1 zu 1 grosse und begehbare Modell eines Raumteils mit Fassade der Suurstoffi, steht bereit. Das ist für Thomas Wernli, Projektleiter der Suurstoffi bei Burkard Meyer Architekten, immer ein besonderer Moment. Wenn er das, was er mit seinem Team im Kopf, im Computer und im Modell entwickelt hat auch wirklich anschauen, berühren und betreten kann.

Menschen und Maschinen

Momentan sind je ein zuständiger Polier für den Holzbau und des Bauunternehmers vor Ort. Unterstützt werden diese von sieben Holzbaumontage-Profis und 15 Bauprofis, die sich die zwei Krane teilen, die vor Ort sind. Und was diese in den nächsten Wochen gemeinsam realisieren werden, schauen wir uns im BAUKADER 11/2017 an.

 

 


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