Erfindergeist im Wallis: Baulos 6594 Kunstbauten Grosseya A9 Visp West


Seit dem 17. März 2014 sind die Mitarbeiter der Fantoni AG aus Brig daran, die künftige Auffahrt von Visp in Richtung Sitten und die künftige Abfahrt von Sitten in Richtung Visp West in einer Arbeitsgemeinschaft mit der STRABAG - grösstenteils unter Wasser - zu bauen. Dabei braucht es nicht nur Spundwände, sondern auch Erfahrung und gute Ideen.

Ein kalter Wind weht mir auf dem Bahnhofplatz Brig um die Ohren, aber Rettung naht in der Person von Baukader und Präsident der Sektion Wallis, Romy Jeitziner, Bauführer bei der Fantoni AG. Er öffnet mir die Tür zu einem typischen Baukader-Auto: Da hat es vom Meter über Leuchtweste und Gummistiefel alles. Sogar ein Caramel-Bonbon zur Einstimmung auf den heutigen Baustellenbesuch. Während der Fahrt zur Baustelle Visp Grosseya A9 wird klar, dass schon bald jemand anderes mein Ansprechpartner ist. Mit einem breiten Grinsen stellt sich Luis Abatemarco, Baumeister und Mitinhaber der Fantoni AG, vor. Für einmal bewegen wir uns auf einer Baustelle, von der auf den ersten Blick gar nicht so viel zu sehen ist. Fast 50 % des Teilstückes Visp – Siders der Autobahn A9 sind unterirdisch. Aber bei einer Bausumme von rund 85 Millionen Franken gibt es doch Einiges zu besichtigen.

Auf den ersten Blick fällt ein Seilbagger ins Auge, der mit dem Hammer seit dem 1. April 2014 rund 6‘000 Tonnen Spundwände in den geologisch speziellen Rhoneschotter treibt. „Als es darum ging, diesen Auftrag als vergleichsweise kleiner Bauunternehmer zu bekommen, habe ich mir gesagt: Derjenige, der hier genügend Spundwände hat, bekommt den Auftrag.“ Das tönt zwar vielleicht etwas gar einfach. Trotzdem ist es so, dass hier neben der Rhone - von den Wallisern Rotten genannt - im Grundwasser gearbeitet werden muss. Das ist, was die Anzahl der Spundwände anbelangt, Ausnahmezustand. Abatemarco wurde fündig: Und zwar mit einem grossen Partner – der STRABAG. Die Spundwandarbeiten werden von einem Subunternehmer aus Holland erstellt. Die Holländer kennen es nicht anders, als im Wasser zu bauen. Schon nach fünf Zentimetern stösst man im ganzen Land auf Grundwasser. Am 1. März 2014 wurde also der holländische Seilbagger verpackt auf 15 Lastwagen nach Visp geliefert. Ganze vier Tonnen Hydrauliköl braucht allein der Seilbagger, der rund 140 Tonnen wiegt. Aber auch die Lieferung der 30‘000 m2 Spundwände ist eine logistische Herausforderung. Was baulich ab und an ein Nachteil ist, hat hier einen grossen Vorteil: Dank gutem Einvernehmen mit der SBB Infrastruktur, konnten die Spundwände über eine Dauer von zehn Wochen einmal die Woche direkt bei der Baustelle vom Eisenbahnwaggon abgeladen werden.

Wir studieren den Plan und verschaffen uns eine Übersicht über all das Unterirdische. Da müssen Bäche verlegt, Zufahrten zu grossen Anrainern, wie Silozement, gewährleistet und eine unterirdische Gasleitung von Swissgas berücksichtigt werden. Zudem bekommt eine Starkstromleitung eine neue Richtung. „Aber was mich wirklich herausfordert, sind die provisorischen Hilfsbrücken der SBB, die es für die Unterführung der SBB-Trassen benötigt.“ Da gerät Abatemarco schon fast ins Schwärmen. Jeder Schritt müsse minutiös geplant sein und absolut nichts könne man dem Zufall überlassen. „Wir liegen hier bahntechnisch an der Hauptverkehrsachse nach Italien.“ Das war schon dem umtriebigen Kaspar von Stockalper im 17. Jahrhundert klar, als er sich mit den Zöllen für die Simplonstrasse den Grundstein für Reichtum und Ansehen legte.

Wir nähern uns den Spundwänden, die uns die Sicht teilweise ein wenig versperren. Der Blick in die Tiefe zeigt, wo im Moment die Post abgeht. Hier entstehen Unterführungen im Grundwasser. Und unter Wasser bauen ist Spezialtiefbau vom Feinsten. Wie die grosse Menge an Spundwänden auf die Baustelle gekommen sind, wissen wir. Die Spundwände werden mit Ankern und Longarinen oder an der dahinter liegenden Spundwand (Totmannkonstruktion) gesichert. Dann wird – immer in Etappen der Aushub gemacht. Und wenn das Erdreich weg ist, muss dreimal Schlamm abgesogen werden, damit eine Unterlage vorhanden ist, auf der betoniert werden kann. Auf den See, der entsteht kommen Pontons, auf denen in einem ersten Schritt zwei Bauarbeiter 3‘600 Stück Auftriebspfähle durch das Wasser in den Baugrund bohren. Anschliessend übernehmen die Taucher den Ponton, überprüfen die Dichte der Spundwände und kümmern sich um das Betonieren unter Wasser – mit insgesamt 19'000 m3 Unterwasserbeton für dieses Los. Und jetzt kommt der grosse Moment: Das Lenzen. „Da halte ich jedes Mal ein wenig die Luft an“, sagt Abatemarco. Es sei für ihn nie ganz selbstverständlich, dass alles halte, auch wenn es genauestens berechnet werde. Soviel Respekt vor den Gewalten der Natur hat er trotz viel Erfahrung im Spezialtiefbau. Wenn die Baustelle trocken gelegt ist, wird weiter betoniert. Bodenplatte und Seitenwände mit konventionellen Schalungen und Gerüsten. Die Zahlen für dieses Los sind eindrücklich: 56‘000 m2 Schalung, 7‘300 to Bewehrung und 48‘500 m3 Konstruktionsbeton.

Wir steigen in die bereits trockene Tiefe und betreten die Auffahrt auf die zukünftige A9. Und wenn hier plötzlich wieder Wasser sickert? Abatemarco zeigt auf die blaue Kontroll- und Injektionsdose, der in jedem der 10-Meter-Abschnitte an der Wand angebracht wird. „Hier haben wir ein spezielles System entwickelt, um allenfalls eintretendes Wasser zu orten.“ Und wenn es tatsächlich so weit kommen sollte, kann über die angebrachte Dose (Injektionsschläuche) Polyurethan eingepresst werden.

Weiter geht’s und damit zum Thema Abdichtung. Und auch hier zeigt sich Abatemarcos Erfindergeist. Wie wird die Abdichtung auf einer solchen Fläche ökonomisch angebracht? „Mit einem selbst entwickelten Roboter werden die Abdichtungsebenen appliziert.“ Der Roboter fährt oben auf der Betonkrone und bringt die verschiedenen Schichten an. Dabei sein muss ein Abdichter, der das Ganze überwacht. „Solche Ideen entstehen nur, wenn man spartenübergreifend denkt und sich die Ideen jedes Mitarbeiters anhört“, sagt Abatemarco. Überhaupt ist ihm jeder seiner 60 Mitarbeiter wichtig, sind sie doch das kostbarste Gut der Firma. Baukader Romy Jeitziner, der beim Mittagessen wieder zu uns gestossen ist, nickt. „Wir schütteln jedem unserer Mitarbeiter am Morgen die Hand und Wissen, wie es um ihn steht“. Neben dem Personal ist aber auch das Wohlergehen der Firma wichtig und da redet Baumeister Abatemarco Klartext: „Wir leben von der positiven Differenz.“ Und damit diese möglich wird, brauche es Ideen und Erfindergeist.


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