Bellevue Zürich: Operation am offenen Herzen


Die Stadt Zürich hat zurzeit eine prominente Baustelle: Seit April und noch bis November 2015 werden Bellevue und Quaibrücke saniert. Projektleiter Renato Kienberger vom Tiefbauamt der Stadt Zürich und sein Team haben zwar keine schlaflosen Nächte, aber einige Nachteinsätze.

 

„Treffpunkt ist im Spickel zwischen Limmatquai und Utoquai“, schreibt Renato Kienberger, Projektleiter im Tiefbauamt der Stadt Zürich und verantwortlich für unsere Baustelle des Monats. Und da stehen wir nun, eingeklemmt zwischen Baucontainern, Lastwagen und Baumaterial. Vor der Baustellenbesichtigung gibt es eine Dosis Informationen. Die Sanierungsarbeiten Bellevue und Quaibrücke sind ein ambitiöses Projekt: In rund sieben Monaten werden der Bellevueplatz mit einer Fläche von 15'000 m2 und die daran anschliessende Quaibrücke mit einer Länge von 125 Metern und einer Breite von 31 Metern saniert. Das heisst hauptsächlich Schienen und Strassenbelag ausgewechselt, die Haltestellen mit behindertengerechten Haltekanten versehen und zwei neue Wartedächer erstellt. Kostenpunkt: 32, 2 Mio. Franken für das Bellevue und 20,0 Mio Franken für die Quaibrücke.

 

Am 16. März 2015 beginnen die Vorarbeiten, damit ein Tag nach dem Sechseläuten, am 14. April 2015 die Arbeiten in Angriff genommen werden können. Und das unter laufendem Verkehr. „Das war eine der grossen Herausforderungen.“, sagt Kienberger und schmunzelt. Das sei zwar nicht seine Erfindung, aber der Tagesanzeiger hätte dieses Projekt einmal als „Operation am offenen Herzen, während der Patient eine Vorstandssitzung leitet.“ genannt. Das zeigt ein wenig, wie sensibel und auch prominent diese Baustelle ist. Rund 75‘000 Trampassagiere und 50‘000 Autos frequentieren das Bellevue täglich. Eine minutiöse Planung und ein Team, das sich in die Hand spielt, sind hier Voraussetzung.

 

Und nun zu den Zahlen. Im Bereich Gleis- und Strassenbau sehen die Hauptarbeiten in Zahlen wie folgt aus:

Abbruch, Fräsen Beläge: 15‘000 m2

Neue Gleise: 1‘500 m im Bereich Bellevue plus 400 m auf der Quaibrücke

Neue Weichen, Kreuzungen und Schmieranlagen: 18 Stück

Randsteine: 1‘200 m

Strassenbeläge: 15‘00m2, 5‘200 to

Bus-Betonplatten im Bereich Theaterplatz und Utoquai: 230 m2

 

Fünf Wochen Totalsperrung und 24-Stunden-Schichtbetrieb im Sommer

 

Nun ist die Sommerpause vorbei und laut Kienberger wohl die intensivste Phase. „Während fünf Wochen war das Bellevue komplett gesperrt. So konnten wir einen Umbau bewältigen, für den wir normalerweise wohl ein Jahr eingeplant hätten.“ Das natürlich mit 70 – 80 Bauprofis, die im Schichtbetrieb 24 Stunden am Werk waren. Kienberger blickt zurück. Das Team sei ähnlich zusammengesetzt, wie bei den Sanierungen der Bahnhofstrasse im Jahr 2013/2014 und des Sechseläutenplatzes im Jahr 2013. „Das ist natürlich ein grosser Vorteil, und ich kann es nicht anders sagen: Bis jetzt ist alles wunderbar gelaufen.“ sagt Kienberger.

 

Wir machen uns auf den kurzen Weg Richtung Bellevue und treffen hier auf eine äusserst belebte Baustelle. Auf noch schön schwarzem Asphalt stehen Passanten, ein paar Meter weiter hinten arbeiten Strassenbauer am neuen Belag auf der Quaibrücke, hinter ihnen brausen Autos auf einer der zwei noch offenen Fahrspuren vorbei. Und wie bewältigt man ein solches Projekt unter laufendem Verkehr? Neben Planung müssen Verkehrsströme optimiert werden. Und eine Lösung ist, dass die Fussgänger die Strassen über Passarellen queren und einige weitere Verkehrsbeziehungen aufgehoben wurden. So konnten im gesamten Bereich der Baustelle Fussgängerstreifen und Ampeln aufgehoben und längere Grünphasen erzielt werden.

 

Natürlich gehört zu einer solchen Sanierung, wie sie wohl vor 40 Jahren zum letzten Mal gemacht wurde, auch ein Teil Werkleitungsbau mit rund 45 Metern Kanalisationsleitung, 4 Kanalisationsschächten, 35 Strassenabläufen, 2‘300 Metern Rohrblöcken, 50 Werkleitungsschächten und 45 Mastfundamenten für Fahrleitung und Beleuchtung.

 

Vorbild Landessausstellung von 1939 und nächster Halt: Streetparade

 

Unser Blick schweift über die Baustelle und bleibt an einer eindrücklichen Schalung hängen. Hier entsteht ein besonderes Bauwerk: eines der beiden neuen Wartedächer. Im Retrostil, passend zum Rondell und zum Wartedach des Bellevue, das 1939 für die Landesausstellung erstellt wurde, müssen auch die beiden neuen Wartedächer designt sein. Denn die 1939 erstellten Gebäude stehen unter Denkmalschutz und sind im Inventar der kunsthistorischen Schutzobjekte von kommunaler Bedeutung aufgeführt. Eine optische Einheit sollen die Wartedächer bilden. Aber zuerst muss noch ein bisschen Schalung weg.

 

Und schon bald steht die Baustelle für kurze Zeit vollkommen still und wird geschminkt und herausgeputzt: Für die Streetparade 2015, die Ende August in Zürich über die Bühne geht. Dann werfen sich Bellevue und Quaibrücke in Schale und zeigen sich von ihrer besten Seite. Laut Kienberger werden die Maschinen verschwinden und die Baustelle begehbar sein. Einzig die Passarelle wird gesperrt werden müssen. Sie würde dem Ansturm der stampfenden Masse nicht Stand halten…


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