Der Zuger Basistunnel – das momentan grösste Microtunneling-Projekt Europas


In Zug baut die ARGE Seapipe 2.0 im Auftrag der Wasserwerke Zug und des Baudepartementes der Stadt Zug seit anfangs Januar 2017 und voraussichtlich bis Ende 2018 ein neues Entwässerungssystem für Zug Nord sowie eine Wärmeverbundleitung. Dabei handelt es sich um das wohl grössten Microtunneling-Bauprojekt in Europa – und das auf kleinstem Raum, wie ein Augenschein an einem sonnigen Tag Ende August beweist. Eigentlich ein Gotthard-Basistunnel, oder noch besser gesagt der Zuger Stadt-Tunnel, nur etwas kleiner.

Zwar müssen dank der Microtunneling-Methode in der Umgebung des Bahnhofs Zug keine Strassen über Wochen gesperrt werden. Aber die Vorbereitungsarbeiten sind entsprechend grösser. Ein Kreisel musste um einige Meter verschoben werden, und für die zwei Start- und die drei Zielschächte müssen Baugruben gepfählt und gespundet werden – und das in Zug logischerweise – meist im schlechtestem Baugrund (Seeablagerungen und Grundwasser).

Startschacht Kreisel Aabachstrasse

Alexander Eigensatz, dipl. Baumeister und Geschäftsführer der in Rotkreuz ansässigen Tiefbau-Firma BÜWE AG, setzt den weissen Helm auf und schlüpft in die Leuchtweste. Vom Bauplatz geht’s Richtung Startschacht beim Kreisel an der Aabachstrasse. Die ersten Erklärungen gab’s im Info-Besuchercontainer, aber Alexander Eigensatz hat keine Probleme, mindestens zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Er läuft, spricht, zeigt und hört zu. Aus der Höhe erklärt er, wie die Baugrube für den Startschacht mit den Massen 11.75 x 11.75 Meter und 10 Meter Tiefe gepfählt wurde. «Ganze 52 armierte Bohrpfähle mit einem Durchmesser von 1.2 Meter und einer Länge von 26 Metern wurden hier zu einer sogenannten überschnittenen Bohrpfahlwand betoniert», sagt Eigensatz. Und das in einem nicht ganz einfachen, aus Sand, Seekreide und Wasser bestehenden, Untergrund.

Anschliessend musste eine Beton-Bodenplatte von 1.2 Metern Dicke, seitlich mit Stahlträgern gegen auftrieb gesichert, erstellt werden. Die Microtunneling-Anlage wurde von der Firma Sonntag AG aus Deutschland geliefert und hat mittlerweile ihren Platz gefunden. Von oben wirkt das ganze relativ filigran. Aber das täuscht. Allein der Bohrkopf wiegt 82 Tonnen und hat einen Durchmesser von 2.6 Metern. Seit dem 16. August 2017 bohrt die Anlage „Isabelle“ für das Teilstück vom Startschacht Kreisel Aabachstrasse zum Zielschacht am Alpenquai beim Zugersee durchschnittlich 30 Meter in 24 Stunden im Dreischichtbetrieb an 7 Tagen in der Woche. Und das mit einem Mannschaftsbestand von fünf Personen.

Unterdessen ist Bauführer Roger von Ah, Technischer Leiter und Mitglied der Geschäftsleitung der BÜWE Tiefbau AG zu uns gestossen. Er liefert weitere Details. Für die rund 1’800 Meter lange Strecke braucht es 450 Rohre à 4 Meter Länge, mit einem Aussendurchmesser von 2.60 Metern (Innen: 2.0 Meter) und einem Gewicht von 28 Tonnen (pro Transport ein Rohr). Und dieses Gewicht ist genaustens berechnet. Nämlich so, dass die Rohre weder leer im Grundwasser auftreiben, noch voll Wasser im Grundwasser absinken. Auch dass die Rohre dicht sind, ist in drei Schritten gewährleistet: Gummidichtung, Schlauchdichtung und Injektion.

Herausforderungen und Freude

Zurück zur Microtunneling-Anlage. «Momentan ist die Anlage in Betrieb. Das sieht man ganz vorne beim Rad, das sich über dem Rohr langsam vorwärtsbewegt», erklärt von Ah. Auf die Frage, was die Herausforderungen sind, führt er die nicht bekannten Hindernisse im Boden an. «Was vor vielen Jahren rund 10 Meter unter dem Boden versenkt wurde, weiss heute niemand mehr so genau», so von Ah. Deshalb müssen wir immer für Überraschungen bereit sein, 24 Stunden und 7 Tage die Woche. Regelmässig werden Bodenproben genommen und auch die Archäologen sind regelmässig vor Ort. «Die Höchstleistung der Microtunneling-Anlage ist bei 40 Metern in 24 Stunden.» Aber es kann auch passieren, dass so viele Hindernisse im Weg sind, dass sie nur neun Meter schafft. Vor allem Holz, z.B. von alten Pfahlfundationen, verstopft die Maschine. Der Bohrkopf könnte im schlimmsten Fall begangen werden, was aber nur mit sehr grossem technischem und personellem Know-how möglich ist. Was aber bis jetzt zum Glück noch nicht nötig war.

Auch die Unterquerung der SBB-Trasse in 10 Metern Tiefe ist zwar eine Herausforderung und muss einem genau festgelegten Zeitraum ausgeführt werden, hat aber problemlos geklappt. Dass die Microtunneling-Anlage permanent überwacht ist, versteht sich von selbst.

Und wo gebohrt wird, gibt’s natürlich auch Aushub. Dieser wird durch die Sortieranlage von dem während dem Bohren benötigten Bentonit separiert und dann auf sehr begrenztem Platz kurz zwischengelagert. Das Bentonit (ein natürliches Tonprodukt) wird als Stützflüssigkeit und als Gleithilfe eingesetzt. Vor dem Abtransport durch Lastwagen der Firma BÜWE wird er regelmässig kontrolliert und dann fachgerecht entsorgt. Die Entsorgung des Aushubmaterials stellt im Moment fast die grösste Herausforderung dar.

Was Eigensatz und von Ah besonders Freude macht, da sind sich beide sofort einig: «Ein solches Projekt so rasch und mit verhältnismässig wenig Lärm und Verkehrsbehinderungen zu verwirklichen macht Freude.»

Weiter geht’s der Aabachstrasse entlang, unter der sich in den letzten Wochen der Bohrkopf praktisch unbemerkt durch die Erde Richtung Seeufer frisst. Von Ah‘s Augen schweifen über den unversehrten Asphalt. «Würde ich irgendwo einen Riss oder eine Vertiefung sehen, würde mir das schon ein wenig Bauchweh machen», witzelt er. Aber man spürt, dass er genau weiss, was hier gemacht wird.

Schon sind wir fast am See und damit beim Zielschacht Alpenquai, rund 10 Meter vom Seeufer entfernt. So nah am Wasser ist die 14.97 x 9.75 Meter 9 Meter tiefe Baugrube mit Spundwänden gesichert. Wir steigen in die Tiefe und sehen, wo der Bohrkopf in zwei bis drei Tagen austreten wird. Und ab hier heisst es dann Wasserbau. Taucher werden das Stahlrohr mit 2 Metern Durchmesser installieren, das rund 120 Meter ab Ufer und rund 1.5 Meter über dem Seegrund das Meteorwasser ins Seebecken leitet, so dass beim Auslass ca. 20m unter Wasser keine Trübung entstehen wird.


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